Köln - Essen teilen, statt es wegzuwerfen

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Essen teilen, statt es wegzuwerfen

Von: Christina Merkelbach
Letzte Aktualisierung:
Aus dem Kühlschrank auf den M
Aus dem Kühlschrank auf den Müll? 82 Kilo Lebensmittel für rund 300 Euro wirft jeder Deutsche laut Bundesverbraucherministerium durchschnittlich im Jahr weg. Das Projekt Foodsharing will gegensteuern. Foto: dapd

Köln. Morgen geht es für 14 Tage in den Urlaub, und was jetzt noch im Kühlschrank ist, wird nach der Rückkehr ungenießbar sein. Wohin also mit den zwei Litern Milch und dem Salat, wenn man niemanden kennt, der die guten Sachen nehmen will? „Auf keinen Fall in den Müll”, sagt der Filmemacher Valentin Thurn.

„Irgendjemand in der Nachbarschaft freut sich bestimmt noch darüber.” Doch wie sollen Geber und Nehmer zueinander finden, wenn sie nicht voneinander wissen? Genau dort setzt Thurns neues Projekt an. „Foodsharing - Essen teilen, statt es wegzuwerfen” ist eine Internet-Tauschbörse für Lebensmittel und Nachfolgeprojekt der Dokumentation „Taste the waste” und des Buches „Die Essensvernichter”.

Läuft alles wie geplant, geht Foodsharing, was aus dem Englischen übersetzt „Essen teilen” heißt, im Spätsommer dieses Jahres an den Start. Das Ganze soll so funktionieren: Wer Lebensmittel kostenlos abgeben will, kann dies über die Homepage http://www.foodsharing.de oder per App über sein Smartphone kundtun. Alle, die bei der Börse angemeldet sind und in der Nähe des Gebers wohnen, werden sofort informiert. Interessierte müssen dann ein sogenanntes elektronisches Ticket ziehen. „Derjenige, der das erste Ticket hat, vereinbart einen Abholtermin direkt mit dem Geber”, erklärt Thurn. Sollten Lebensmittel übrig bleiben, käme jeweils der nächste Interessent an die Reihe.

So weit die Theorie. Damit sie zur Praxis werden, das heißt, die App ab Juli programmiert werden kann, sammeln Thurn und sein Team mit dem eigens zu diesem Zweck gegründeten Verein „Fair-Teilen” derzeit noch Geld. Dabei setzen sie auf sogenanntes Crowd-funding, eine Schwarmfinanzierung, die besonders in den USA beliebt ist. Schlagzeilen machte dieses System etwa Anfang des Jahres, weil die Finanzierung für den Film zur Fernsehserie „Stromberg” ebenfalls über Crowdfunding läuft. „Jeder, der Geld gibt, bekommt etwas dafür, auch bei kleinen Summen”, sagt Thurn. Spenden kann man zwischen fünf und 600 Euro.

Für kleine und mittlere Beträge gibt es beispielsweise eine „Taste the waste”-DVD oder -Blu-ray, ein handsigniertes Filmposter, ein Autogramm der Sesamstraßenfigur „Oscar aus der Mülltonne” oder „Die Essensvernichter” als E-Book. Wer 100 Euro gibt, kann als Ehrengast an der Foodsharing-Party in Köln teilnehmen, die den Startschuss für die Internet-Plattform geben soll. Der Ehrengast wird von Valentin Thurn mit einem Sekt empfangen und in einer Laudatio als VIP-Unterstützer erwähnt.

Weitere Gegenleistungen für Schwarminvestoren sind in Planung. Der Künstler Uli Westphal stellt Plakate aus seinem „Mutatos-Projekt” zur Verfügung, wo er natürlich verformtes Gemüse nebeneinander aufgestellt und fotografiert hat. Köche spenden Brotaufstriche aus vermeintlichen Abfallprodukten wie Kohlrabiblättern und verraten Rezepte.

Als einer der Ersten hat NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) Geld für das Projekt gegeben. „Von Foodsharing bin ich regelrecht begeistert. Und die Idee, dabei auf moderne Kommunikationsmittel zurückzugreifen, finde ich klasse”, sagt er. „Ich werbe dafür, dass ganz viele Foodsharing unterstützen.”

„Es freut uns natürlich, das Ministerium auf unserer Seite zu haben, denn wir brauchen diese größeren Unterstützer”, sagt Thurn. Man wolle auch die Supermärkte anschreiben und mit ins Boot holen. „Aber wir hoffen auf möglichst viele kleinere Spender, damit wir ein Graswurzelprojekt bleiben können.” So könne Foodsharing freier und ohne Einflüsse von außen agieren. Laut Homepage steht die Finanzierung derzeit bei etwa 40 Prozent. Noch knapp zwei Wochen kann man mitmachen.

Lebensmitteltausch

Ein Leitfaden zur Übergabe von Lebensmitteln soll sicherstellen, dass die künftigen Nutzer der Börse nicht ganz dem „Meinungswirrwarr ausgeliefert sind”, wie Thurn es ausdrückt. Denn beim Lebensmitteltausch, sagt er , werde es mit Sicherheit auch Diskussionen darum geben, was noch genießbar ist und was nicht. „Zum Mindesthaltbarkeitsdatum gibt es ja viele Meinungen, und das finden wir auch gut. So kommen die Menschen ins Gespräch über Nahrungsmittel und ihre Wertschätzung.” Den Leitfaden erarbeitet das Team mit Lebensmittelkontrolleuren. „Wir bringen einfach mal aufs Papier, wo man das Mindesthaltbarkeitsdatum locker überziehen kann und bei welchen Lebensmitteln man vorsichtig sein muss.”

Auch der Umgang mit Produkten, die keinen Stempel mit Datum tragen, soll eine Rolle spielen. Obst, Gemüse und Brot beispielsweise. Lebensmittel, die nachweislich am häufigsten im Müll landen. Dabei, sagt Thurn, könnten die auch dann noch kreativ und wohlschmeckend weiterverwertet werden, wenn sie nicht mehr frisch sind. Wer weitere Anregungen zum Thema braucht: Im Herbst erscheint das „Taste the waste”-Kochbuch.
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