Amsterdam - Eine Art Held: Holländer ehren Van der Lubbe zum 100. Geburtstag

Eine Art Held: Holländer ehren Van der Lubbe zum 100. Geburtstag

Von: Thomas Burmeister, dpa
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Marinus van der Lubbe
Der Niederländer Marinus van der Lubbe in einer undatierten Aufnahme. Rund 75 Jahre nach seiner Hinrichtung in Deutschland ist der holländische Reichstags-Brandstifter in seiner Heimat populärer denn je. Zu seinem 100. Geburtstag an diesem Dienstag (13.01.2009) wird in Van der Lubbes Geburtsstadt Leiden eine Ausstellung mit dem Titel „De Tegenstander” („Der Widersacher”) eröffnet. Foto: dpa

Amsterdam. Über Marinus van der Lubbe zu sprechen war vielen Niederländern lange unangenehm. Der Arbeiter aus der Universitätsstadt Leiden, der 1933 in Berlin den Reichstag in Brand setzte, galt als anarcho-kommunistischer Spinner, der den Nazis ungewollt in die Hände arbeitete.

Doch zu Van der Lubbes 100. Geburtstag an diesem Dienstag (13.1.) hat sich das Blatt gewendet. „Heute sind Holländer stolz auf ihn, er ist eine Art Held, wenn auch ein tragischer”, sagt der Van-der-Lubbe-Biograf Martin Schouten. „Inzwischen ist er fast so bekannt, wie der berühmteste Sohn Leidens - der Maler Rembrandt van Rijn.”

Da ist wohl kein Wunder, dass sich längst auch die Kunst mit dem widersprüchlichen Helden beschäftigt. „Den Leuten ist aufgegangen, dass Marinus immerhin der erste Holländer war, der den Nazis zum Opfer fiel”, sagt Ben Walenkamp vom Arbeitskreis für das Gedenken an Van der Lubbe. Der Leidener war nach einem Schauprozess drei Tage vor seinem 25. Geburtstag am 10. Januar 1934 im Innenhof des Leipziger Landgerichts wegen „Hochverrats in Tateinheit mit aufrührerischer Brandstiftung” enthauptet worden.

Aus Anlass beider Jubiläen - des 75. Todestages und des 100. Geburtstages - widmet das Stedelijk Museum von Leiden dem Sohn der Stadt nun eine denkwürdige Kunstausstellung mit dem Titel „De Tegenstander” („Der Widersacher”): Der Maler und Bildhauer Gert Germeraad bringt darin den Reichstagsbrand in Zusammenhang mit Schreckensereignissen der letzten Jahre.

Da werden Szenen des Grauens aus Afghanistan und Srebrenica sowie die Skulptur eines im irakischen Gefängnis Abu Ghoreib gequälten Häftlings Keramik-Porträts gegenüberstellt, die Van der Lubbe mit unschuldigem Jungengesicht zeigen. „Können Helden und Terroristen in einer Person vereinigt sein?”, fragt der Begleittext. Eine Antwort sollen die Besucher selbst finden.

Für die Eröffnungsrede hat sich Martin Schouten erneut in die Akten vertieft. Er fand nicht nur seine Überzeugung bestätigt, dass der Leidener Linksradikale aus eigenem Antrieb in der „unglaublich naiven Überzeugung” handelte, ein Fanal gegen Hitler setzen zu können, und dass die Nazis die Tat als Vorwand zum Vorgehen gegen Kommunisten und Sozialdemokraten nutzten. Beim genauen Hinsehen werde aber auch klar, dass „seine ausgeprägte künstlerische Natur” ihn mit zu der Tat getrieben habe.

„In gewisser Weise kann man den Reichstagsbrand aus seiner Perspektive gar als Kunstwerk verstehen”, sagt Schouten. Van der Lubbes Drang zu künstlerischer Selbstverwirklichung sei bereits früher in seinen Tagebuchaufzeichnungen und Gedichten deutlich geworden, die er gern vortrug. Verse von ihm sind auf Gedenksteinen in Leiden sowie auf dem Leipziger Südfriedhof eingraviert.

Als Künstler und Lichtgestalt hat ihn wohl auch sein Freund Simon Harteveld gesehen. „Du warst in den Augen der Proleten ein Gott”, schrieb er Van der Lubbe ins Gefängnis. Nach solcherart Anerkennung habe er gedürstet, meint Schouten. Zumindest bis klar geworden sei, dass sich die deutsche Justiz nicht mit der für Brandstiftung vorgesehenen Höchststrafe von acht Jahren Gefängnis begnügen würde.

Mit „größter Begeisterung” habe der Holländer den Ermittlern die Brandstiftung geschildert, sagt sein Biograf und zitiert aus den Polizei-Unterlagen: „Er interessiert sich lebhaft dafür, ob seine Tat auch in den Zeitungen, vor allem den holländischen, stehen würde.” Und: „Er gab seiner Befriedigung Ausdruck, dass so eine Tat bisher noch niemand vollführt habe.”
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