Eine Ära geht zu Ende: Bandsalat in Tupperware

Von: Winfried Dulisch, dpa
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Kassetten-Ära zu Ende
Zwei Standards für die Aufnahme von Tonmaterial liegen nebeneinander: Links die um 1985 eingeführte DAT-Cassette, rechts die in den frühen 1960er Jahren von Philips entwickelte Compact Cassette. Beide Tonträger waren Welterfolge, die DAT-Cassette (Digital Audio Tape) vor allem im professionellen Studiobereich. Jahrzehnte lang war die Kassette ein Muss für Teenager - als billiges Aufnahmemedium für Radiohits, als persönliches Mix-Tape für die Liebste und als robuster Musikspeicher für unterwegs. Doch CDs und MP3s haben sie an den Rand gedrängt - das Ende der Kassette ist nah. Foto: dpa

Bremen. Die Compact Cassette (kurz: CC) wurde 1963 eingeführt als Speichermedium für Diktiergeräte. Musik-Fans nutzten sie für das Kopieren von Radiosendungen und Schallplatten. Deshalb veröffentlichten Plattenfirmen ab 1965 auch bespielte CCs. Die so genannte „MusiCassette” hieß kurz MC. 45 Jahre später endet in Deutschland diese Ära: Am 1. Juli 2010 schließt eines der letzten großen MC-Kopierwerke.

1991, im ersten Jahr nach der Wiedervereinigung, erreichte der deutsche MusiCassetten-Absatz seinen Höhepunkt: 78,4 Millionen Stück wurden verkauft. 2009 lag dieser Wert noch bei drei Millionen. Daniel Knöll vom Bundesverband Musikindustrie: „Heute bezeichnen wir die bespielte Compact Cassette als Nischenprodukt.” Und das scheint unumkehrbar.

„Ein Retro-Trend wie beim Vinyl ist für die MC nicht zu erwarten”, erklärt Holger Neumann, Geschäftsführer des Tonträger-Herstellers Pallas im niedersächsischen Diepholz. „Wenn wir heute ein Vinyl-Album pressen, können wir Top-Qualität garantieren. Aber für MC- Kopiermaschinen werden hochwertige Magnetbänder und Cassetten-Gehäuse wegen geringer Nachfrage kaum noch produziert.” Auch deswegen werde die Produktion diesen Sommer eingestellt.

„Ich weine der MC keine Träne nach”, erklärt Reinhard Sauer, Leiter des Goethe Instituts im brasilianischen Porto Alegre. „Meine MCs wurden hier im feucht-tropischen Klima unbrauchbar, weil das Bandmaterial verklebte.” Beim Goethe Institut Johannesburg verwendet Robert Fallenstein, Leiter der Spracharbeit Subsahara-Afrika, ebenfalls nur noch CDs. „Aber die Lehrer an staatlichen Schulen in unserer Region fragen nicht, was besser geeignet ist für den Unterricht, sondern ob sie überhaupt Elektrizität im Klassenzimmer haben.”

Grete Schulga, deren Litraton-Versand weltweit Literatur auf Tonträgern verschickt, bekam sogar aus nichttropischen Regionen „viel mehr Mängel-Retouren als bei der CD. Reißen und Eiern waren bei der MC an der Tagesordnung”. Im Jahr 2000 veröffentlichte die Hamburgerin ihre letzte MC: orientalische Märchen, gelesen von Mathias Wiemann.

Rainer Kahleyss vom Tonträger-Vertrieb Klassik-Center Kassel muss noch weiter zurückdenken, um sich an seine letzte MC-Produktion zu erinnern: „1992, eine Chormusik. Im Klassik-Bereich hatten MCs keine Bedeutung, außer vielleicht für die Fans von Kuschel-Romantik. Anspruchsvoll interpretierte Kammermusik konnte auf einer MC nie ihren vollen Reiz entfalten, dafür ist die CD besser geeignet.” Einen MC-Hit hatte Klassik-Center Kassel nur mit „Zirkusmusik, die wir an viele deutsche Kindergärten geliefert haben”.

Genau hier zeigt sich eine Stärke der MusiCassette: Das biss- und rissfeste Magnetband im Kunststoff-Gehäuse ist recht robust. Hifi- Experten machten sich über die vom Hersteller mit Musik bespielten Compact Cassetten jedoch als „Bandsalat in Tupperware” lustig.

Pierre Wittig aus Bremen restauriert hochwertige Hifi-Klassiker. Er sieht die Probleme nicht bei der MC, sondern bei billigen Abspielgeräten. „Wer in den 80er Jahren aber für 1000 D-Mark ein Tapedeck kaufte, musste keine jaulenden Gleichlauf-Schwankungen befürchten.”

Heute bekommt der Audio-Techniker Anfragen wie diese: Eine Sopranistin soll den Gesangslehrer über ihre Fortschritte informieren; der ältere Herr besitzt nur einen MC-Rekorder, Digital- Technik ist ihm zu kompliziert; deshalb will sie ein altes Tapedeck reparieren lassen. „Die MC-Technik ist einem aktuellen Digital- Rekorder in der Handhabung überlegen”, meint Wittig.

Kreative Möglichkeiten der immer wieder neu bespielbaren MC wurden nur von wenigen Pop-Künstlern so genutzt wie von den Weltmusik- Vorreitern Die Dissidenten. Saxofonist Friedo Josch: „1981 haben wir bei fast jedem Dissidenten-Konzert eine neue MC angeboten. Je nach Tageslaune haben wir mal quakende Frösche, mal das Gemurmel eines indischen Flusses als Zugabe draufkopiert.”

Und auch der Pallas-Chef bedauert, dass die Ära des Kulturguts „MusiCassette” vorbei ist: „Sämtliche Erfahrungen, die unsere Mitarbeiter im MC-Kopierwerk sammeln konnten, verlieren damit ihren Wert.” Sein Presswerk in Diepholz fertigt nur noch Vinyl-Platten, CDs und DVDs. Das Ende der Kassette scheint also nah - oder wie Neumann es formuliert: „Die Musikwelt ist wieder eine Scheibe.”
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