Ein Weinbaustudiengang als Politikum

Von: Marc Strehler, dpa
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Weinlese in Dexheim
Mit einem Vollernter werden in einem Weinberg bei Dexheim Weintrauben geerntet. Dass ein Studiengang einen Landtag beschäftigt, kommt nicht allzu oft vor. Dass ein Studiengang gleich zwei Landtage beschäftigt, ist eine richtige Rarität. Das neue Bachelor-Angebot „Weinbau und Oenologie” in Rheinland-Pfalz hat das geschafft. Umstritten war das Projekt zwischen den Parteien in Rheinland-Pfalz, heftig debattiert wurde darüber aber auch im Nachbarland Hessen. Foto: dpa

Neustadt/Geisenheim. Dass ein Studiengang einen Landtag beschäftigt, kommt nicht allzu oft vor. Dass ein Studiengang gleich zwei Landtage beschäftigt, ist eine richtige Rarität. Das neue Bachelor-Angebot „Weinbau und Oenologie” in Rheinland-Pfalz hat das geschafft.

Umstritten war das Projekt zwischen den Parteien in Rheinland-Pfalz, heftig debattiert wurde darüber aber auch im Nachbarland Hessen. Dort wurde der neue duale Studiengang von vielen als überflüssige Konkurrenz zu einem ähnlichen Angebot an der Fachhochschule in Geisenheim betrachtet.

Jetzt haben die ersten Studenten in Rheinland-Pfalz begonnen, die Aufregung hat sich gelegt - „Ball flachhalten” ist zur Zeit das Motto.

41 Studenten haben Anfang des Monats das Studium begonnen, das schwerpunktmäßig am Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Rheinpfalz in Neustadt an der Weinstraße angesiedelt ist. Die Frauen und Männer sind zunächst in Weinbaubetrieben unterwegs, Anfang August beginnen die Vorlesungen. Los geht es mit Mathematik. Größere Teile des Studiums spielen sich in Weinbaubetrieben ab, wo die Studenten die Möglichkeit haben sollen, das Gelernte gleich in der Praxis umzusetzen.

Die enge Verzahnung von Praxis und Theorie hält der Leiter des Studienganges, Prof. Ulrich Fischer, für einmalig. Das neue Angebot besetze eine „Nische”, ist er überzeugt. „Unser Angebot ist vor allem auch für junge Leute interessant, die zu Hause keinen Weinbaubetrieb haben.” Für einen großen Vorzug hält er, dass die Leute dann in den Betrieben sind, wenn die wichtigsten Aufgaben anstehen - zum Beispiel der Ausbau des Weines und die Lese. Nach Geisenheim ziehe es doch eher Leute aus Winzerfamilien zum Studium, glaubt Fischer.

Neustadt und Geisenheim liegen gerade einmal rund 70 Kilometer auseinander. Auch in Geisenheim gibt es einen Bachelor-Studiengang „Weinbau und Oenologie” und in Hessen fragte man sich, warum es in Zeiten knapper Kassen ein ähnliches Angebot in Neustadt braucht. Eine hessische CDU-Abgeordnete nannte das neue Angebot im Nachbarland einen „Studiengang light”.

Die rheinland-pfälzische Landesregierung betonte immer wieder, dass es einfach einen großen Bedarf an gut ausgebildeten Weinbau- Experten geben. Es ging aber wohl auch um Prestige bei diesem Streit zwischen Deutschlands Weinbauland Nummer eins (Rheinland-Pfalz) und Deutschlands Weinbauland Nummer vier (Hessen). Inzwischen haben sich die Wogen geglättet.

Es handele sich ja bei dem rheinland-pfälzischen Angebot um „kein identisches” zu dem in Geisenheim, sagt ein Sprecher des hessischen Wissenschaftsministeriums. Es gebe unterschiedliche Schwerpunkte. Und in Rheinland-Pfalz gibt man sich bescheiden: Ob eine Kooperation mit Geisenheim eines Tages vorstellbar wäre? „Erst einmal müssen wir jetzt schauen, dass wir auf Augenhöhe mit Geisenheim kommen”, sagt Weinbau-Staatssekretär Siegfried Englert. Dann könne man auch über Kooperationen nachdenken.

Am Ende des rheinland-pfälzischen Studiums, das von drei Fachhochschulen mitgetragen wird, sollen die Absolventen eine Ausbildung zum Winzer und einen Bachelor-Abschluss in der Tasche haben. Sie sollen dann in der Lage sein, zum Beispiel einen größeren Winzerbetrieb zu führen. Aber gibt es denn tatsächlich einen größeren Bedarf an hochqualifizierten Führungskräften in diesem Bereich? Der Präsident der deutschen Prädikatsweingüter, der Pfälzer Winzer Steffen Christmann, sieht zumindest Hinweise dafür. „Durch die Konzentration im Weinbau werden die Betriebe immer größer”, sagt er. Waren früher viele Weingüter reine Familienbetriebe, würden heute mehr und mehr Experten von außen gebraucht.

Auch Christmann hält den Studiengang in seinem Heimatort Neustadt vor allem für Studenten attraktiv, die nicht aus dem Winzermilieu stammen, eben wegen des starken Praxisanteils. „Winzerkinder kriegen die Praxis dagegen schon im heimischen Betrieb mit.” Dass es ein friedliches Nebeneinander von Geisenheim und Neustadt geben kann, zeigt Christmann übrigens in seinem eigenen Betrieb: Einen seiner Auszubildenden - er stammt aus einer Winzerfamilie - hat er zum Studieren nach Geisenheim geschickt. Eine andere Auszubildende, Tochter eines Zahnarztes, wird dagegen in Neustadt mit dem Studium beginnen.
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