Port-au-Prince - Die erste Hilfe ist angekommen

Die erste Hilfe ist angekommen

Von: Unicef-Mitarbeiterin Tamar Hahn
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Inmitten von Leid und Not: Unicef-Mitarbeiterin Tamar Hahn (rechts) erfährt die furchtbaren Bedingungen, unter denen die Menschen in Haiti leben müssen, jeden Tag hautnah.

Port-au-Prince. Heute Morgen habe ich auf dem Gelände der Minustah-Friedenstruppen ein Feldlazarett besucht. Zwei riesige Zelte sind bis zum letzten Platz mit Verwundeten belegt.

Die Bedingungen sind furchtbar: Patienten und Ärzte haben nicht genug zu essen und zu trinken. Es gibt keine Latrinen, so dass die Menschen ihre Notdurft hinter den Zelten verrichten müssen.

Neben einem Zelt stapeln sich Leichen. Heute wurde ein improvisierter Operationsraum eingerichtet. Die Mitarbeiter führen vor allem Amputationen durch - die offenen Verletzungen vieler Erdbebenopfer sind entzündet und damit lebensbedrohlich. Andere Operationen können nicht stattfinden. Es fehlt überall an Material.

Schutzlos ausgeliefert

Von überall höre ich Wimmern und Schmerzensschreie. Fünf Kinder liegen allein in ihren Betten - kein Angehöriger ist da, um ihnen zu essen zu geben, sie zu säubern, ihre Hand zu halten. Ein zweijähriges Mädchen mit Kinderlähmung hat sich hierher gerettet. Sie ist kaum verletzt. Doch niemand weiß, wer sie ist oder wo man anfangen sollte, nach ihrer Familie zu suchen. Auf einem Zettel an ihrem Fuß steht nur „kleines Mädchen”.

Das gleiche gilt für den siebenjährigen Sean. Nach seiner Ankunft schrie er zwölf Stunden lang nach seinen Eltern - zusammengekrümmt wie ein Embryo. Die Krankenschwestern sagen, dass er seine Eltern tot gesehen hat. Sean hat nur kleine Kratzer und läuft zwischen den anderen Patienten herum. Doch die Ärzte zögern, ihn gehen zu lassen - ohne zu wissen, wohin er gehen kann und wer sich um ihn kümmern wird.

Hunderte oder gar tausende Kinder in Port-au-Prince sind in einer ähnlichen Situation. Sie liegen verletzt im Krankenhaus oder streifen auf der Straße umher, ohne Wasser und Nahrung, Gewalt und Missbrauch schutzlos ausgeliefert. Viele von ihnen haben tiefe seelische Wunden davongetragen, die sie ein Leben lang begleiten werden. Sie sind in Gefahr durch Krankheiten und Mangelernährung - und bedroht durch sexuellen Missbrauch oder Menschenhändler.

Unicef wird zwei Schutzhäuser für 200 Kinder wie Sean und das kleine Mädchen ausstatten - ein sicherer Hafen, in dem die Kinder vorübergehend versorgt werden. Parallel wird Unicef die Suche nach Angehörigen unterstützen. Für Kinder, die keinerlei überlebende Verwandten mehr haben, sucht Unicef nach alternativen Unterbringungsmöglichkeiten - zum Beispiel in Pflegefamilien.

Am Nachmittag begleite ich meinen Kollegen aus dem Wasser- und Sanitärbereich. Er will kontrollieren, ob die begonnene Wasserverteilung die Menschen tatsächlich erreicht. Niemand in Port-au-Prince schläft noch in seinem Haus. Aus Angst vor Nachbeben campieren die Familien auf offener Straße. Einige haben sich aus allen verfügbaren Fetzen Stoff notdürftige Unterkünfte gebaut. Sämtliche Parks in der Stadt sind von obdachlosen Menschen belegt - selbst der Garten des Premierministers ist mittlerweile zu einem improvisierten Flüchtlingslager geworden. Andere schlafen direkt an der Straße auf dem Bürgersteig.

Ausharren in der Dunkelheit

Es gibt keine Latrinen, die Menschen erleichtern sich auf dem Bürgersteig. Überall stapelt sich der Müll. Auf der Straße sehe ich eine Frau, fast nackt. Sie kniet vor einer Pfütze, um sich notdürftig zu waschen. Wenn die Nacht einbricht, müssen tausende von Menschen in absoluter Dunkelheit ausharren.

Vor dem Haus des Premierministers hat Unicef einen von bisher 26 großen Wassertanks aufgestellt. Er fasst 5000 Liter Wasser - genug, um 1000 Menschen notdürftig zu versorgen. Alle stellen sich mit ihren Kanistern ordentlich an. Auch nebenan hat sich eine lange Schlange gebildet, hier werden Hygienepakete verteilt.

Die Tragödie trifft alle

Es ist gut zu sehen, dass die Hilfe bei den Menschen ankommt - trotz der furchtbaren Bedingungen, in denen sie leben. Zurück in unserem improvisierten Unicef-Büro muss ich erfahren, dass der Sohn eines haitianischen Fahrers seinen schweren Verletzungen erlegen ist. Das Beben hat dem Mann bereits das dritte Kind geraubt: Als sein Haus zusammenstürzte, waren seine Tochter und ein weiterer Sohn direkt getötet worden.

Die Tragödie des Erdbebens trifft in Haiti alle. Auch mehrere Unicef-Mitarbeiter haben alles verloren und besitzen nichts mehr außer den Kleidern, die sie am Körper tragen. Alle sind erschöpft und traumatisiert - und nervös wegen der Nachbeben, die noch immer jeden Tag spürbar sind. Und noch immer liegen Menschen unter den Trümmern, die noch nicht geborgen werden konnten. Niemand weiß, ob sie noch leben.

Beeindruckender Start unserer Hilfsaktion für Haiti: Unsere Leserinnen und Leser spendeten bereits 47.846 Euro auf unser Unicef-Konto 331900, Sparkasse Aachen, BLZ 39050000. Das Geld fließt unmittelbar in die Nothilfe vor Ort. Jeder Euro zählt!
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