Das Ende der Panini-Alben: Ein Nachruf

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Einer wie Lothar Woelk. Kräftig, bärtig, vierschrötig. Einsachtundachtzig, sah aus, als ob er auch einen Sack Zement aus dem Strafraum köpfen könnte, wenn es sein müsste. VfL Bochum, Panini-Album ´81/´82, linke Seite unten, neben Jupp Tenhagen, unter Reinhard Mager, ganz links außen. Dabei war er Vorstopper. Woelk, Jahrgang ´54, 13 Jahre Bundesliga, Protagonist in 13 Panini-Alben.

Im Frühjahr 2008 ist das nostalgische Gedächtnis einer Generation von Fußballfans erschüttert worden, na, ein bisschen jedenfalls. Diese Fans sind mit dem Fußball der 80er Jahre sozialisiert worden, was fast automatisch heißt, mit Panini-Sammelalben sozialisiert worden zu sein. Ein Album, 350 Abziehbilder, die dort einzukleben waren. Mal mehr, mal weniger. Jedes Bild hatte im leeren Album einen festen Platz, durch Nummern markiert. Eine Tüte fünf Bilder, der Preis: 50 Pfenning. Doppelte wurden auf dem Schulhof getauscht, bis das Album voll war.

Waldhöfer Knochenschrubber

Das alles: Vergangenheit. In der am 7.August beginnenden Bundesligasaison wird Panini kein Album mehr anbieten dürfen. Entscheidung der Deutschen Fußball Liga (DFL) vom Frühjahr 2008. Das Album kommt jetzt von Topps, einem Baseballkarten- und Süßigkeitenhersteller aus New York.

Einer wie Uli Bittcher. Sah schon mit 27 aus wie 45, schütteres Haar, buschiger Schnauz, Mittelfeld. 252 Spiele, 22 Tore, immerhin. Bittcher kam über den STV Horst-Emscher zu Schalke. Er spielte manchmal Rechtsaußen, weil er schnell war und Flanken schlagen konnte. ´83 ging er zu Dortmund, als Nachfolger für Rüdiger Abramczik, wie vorher schon bei Schalke. Kein Spieler, an den sich außerhalb des Einzugsgebietes der B1 durchs Ruhrgebiet jemand erinnern würde, gäbe es diese Panini-Alben von damals nicht. Bittcher, ein Spieler, der aussah, wie er hieß, der aber vor allem aussah wie die Menschen, die ihm in Stadion zujubelten. Keine Selbstvermarktungsmaschine. Bittcher war einfach nur Fußballer.

Die ersten Sammelbilder brachte Panini zur Saison ´78/´79 auf den Markt, die letzten ´08/´09. 30 Jahre Fußballgedächtnis in selbstklebenden Abziehbildern. Die DFL hat zur Saison ´08/´09 die Rechte für Fußball-Alben erstmals ausgeschrieben. Panini bot 11,25 Millionen Euro für drei Jahre, Topps 12,4 Millionen. Topps bekam den Zuschlag. Da aber nicht alles nach Plan lief und überdies juristische Probleme Topps vor der vergangenen Saison bremsten, machte Panini noch ein Jahr weiter.

Der Verkauf der Panini-Bilder war über die 30 Jahre keineswegs konstant, sagt Jens Presche, der bei Panini in Nettetal-Kaldenkirchen an der A61 zwischen Venlo und Viersen für die Fußballbilder zuständig ist. Die Verkaufszahlen folgten keinen nachvollziehbaren Parametern, sagt er, sie hatten nichts mit dem aktuellen Deutschen Meister zu tun und nichts mit Erfolg oder Misserfolg der Nationalmannschaft. Zahlen mag Panini nicht veröffentlichen, nur diese: Vor, während und nach der WM 2006 in Deutschland verkaufte Panini 160 Millionen Fußballbilder, das Bild zu 20 Cent. „Aber so etwas kommt nie wieder”, sagt Presche.

Einer noch, einer wie Roland Dickgießer. Spielte, wie er hieß, sah aber anders aus. Braver als die anderen, ohne Bart. Spielte bei Waldhof Mannheim, bis in die 90er hinein Deutschlands berüchtigste Vorstopperschule. Karl-Heinz Förster, Jürgen Kohler, Ulf Quaisser, Paul Steiner, Günter Sebert, Dieter Schlindwein. Und Dickgießer, heute Ehrenspielführer von Waldhof, für das er von 1978 bis 1994 spielte. Alles Vorstopper wie aus dem Bilderbuch. Mit mäßigem Talent ausgestattet, aber nimmermüde, kopfballstark und eisenhart, das vor allem. Knochenschrubber. Vorstopper heißen heute Innenverteidiger und müssen tatsächlich Fußball spielen können, um es bis in die Bundesliga zu bringen.

Dickgießers größter Erfolg war das Erreichen des U21-EM-Endspiels 1982 gegen England. Littbarski war dabei, Völler, Falkenmeyer, Wolfgang Rolff. Am Endspiel konnte Dickgießer nicht teilnehmen, weil sein Arbeitgeber, die Stadt Mannheim, ihn nicht freistellte. Ein kleines Drama, an das sich vermutlich nicht mehr viele erinnern würden, wenn die alten Panini-Alben keine Eselbrücke bauten.

Neue Zeiten, neue Alben

Panini macht weiterhin in Fußball, Chamions League, die beiden nächsten Weltmeisterschaften, die EM. Und wenn in drei Jahren die Rechte neu verhandelt würden, sagt Jens Presche, werde Panini vermutlich wieder mitbieten.

Der Abschied von Panini wäre keine große Sache, wenn er nicht auch dafür stünde, dass im Fußball nichts bleibt, wie es war. Die Topps-Bilder sind etwas marktschreierischer als die von Panini, lauter, die Spieler sind zum Teil in wilden Posen abgebildet. Ballack sieht auf seinem Bild aus wie ein wilder Stier vorm Angriff. Es geht weniger um Sein, mehr um Schein.

Vielleicht sind diese Bilder genau die richtigen für den Fußball, wie er heute ist.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert