Rom - Beeindruckend: die Begegnung mit Franziskus

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Beeindruckend: die Begegnung mit Franziskus

Von: Bernd Mathieu
Letzte Aktualisierung:
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Zwei, die sich auf Anhieb verstehen: Papst Franziskus begrüßt im Vatikan den EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz, der Gastgeschenke übergibt und seine Delegation dem Heiligen Vater vorstellt. Foto: Pietro Naj-Oleari/EU/EP
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Unser Chefredakteur Bernd Mathieu gehörte zur Delegation und begegnete Papst Franziskus. Foto: Pietro Naj-Oleari/EU/EP

Rom. Was für eine Atmosphäre, welche Eindrücke! Mitten im Herz des Vatikans. Das bedeutet an diesem Freitagvormittag zunächst einmal, eine kleine Rundfahrt durch das vatikanische Staatsgebiet zu unternehmen. Die EU-Delegation mit Martin Schulz ist einige Minuten zu früh. Da muss improvisiert werden, um nicht unhöflich zu sein.

Die kleine Spazierfahrt mit fünf Fahrzeugen samt Polizeistreifen gewährt interessante Einblicke, lässt uns hinter die Kulissen schauen, die sonst nicht öffentlich sind. Dann fahren wir im „Ehrenhof“ vor, der Piazza San Damasso.

Schulz wird wie ein Staatschef empfangen, das bedeutet protokollarisch: Eingang in den Vatikan über den prestigeträchtigsten Eingang, den die Kurie hier in Rom zu bieten hat. Die Schweizer Garde hat Position bezogen, jetzt stimmt auch die Zeit, wir dürfen die Stufen hinauf zur vatikanischen Bibliothek, wo Franziskus die EU-Delegation begrüßen wird.

Vier-Augen-Gespräch

Während des Vier-Augen-Gesprächs, das Martin Schulz mit dem Papst führt, warten die anderen Mitglieder der Delegation, genießen den fantastischen Blick auf den Petersplatz diesmal aus dem Vatikan heraus, eben aus fast schon päpstlicher Perspektive. Ich habe Gelegenheit, mit Erzbischof Georg Gänswein zu reden. Er gibt eine ziemlich klare – leider nichtöffentliche – Einschätzung zur Arbeit der achtköpfigen Kommission, die sich mit der Kurienreform befasst. Sie wird auch hier salopp „G 8“ genannt.

Immerhin, so viel darf gesagt werden, die acht Kardinäle – darunter der Münchener Kardinal Marx – werden vieles gründlich auf den Prüfstand stellen. Es geht um die Unterscheidung zwischen behalten, ändern, streichen, umgestalten, ganz neu gestalten. Und: alte Zöpfe ganz abschneiden. Dass keiner der acht der Kurie angehört, dürfte auch Erzbischof Georg Gänswein als vielversprechend empfinden.

Gänswein stammt aus dem Südschwarzwald, gilt als Fan des SC Freiburg und als Fußballkenner. Da erkundigt sich der Präfekt des Päpstlichen Haushaltes auch nach dem Schicksal von Alemannia Aachen. Na ja, wir hätten gerne Erfreulicheres vom Tivoli hier im Vatikan berichtet...

Ein Klingelzeichen ertönt, die Tür öffnet sich, und die Mitglieder der Delegation betreten die Bibliothek. Der Papst kommt einem sofort vertraut vor, so freundlich, wie wir ihn aus dem Fernsehen und von Fotos kennen, so wirkt er auch jetzt auf Anhieb. Er lächelt, er begrüßt einen mit festem Handschlag, schaut einem in die Augen, spricht mit jedem.

Martin Schulz stellt seine Begleiter vor. Dann überreicht er offiziell die Geschenke, die er in einem Aachener Antiquariat erworben hat: einen alten Bildband über den Aachener Dom, den er dem Papst als eine der wichtigsten Kathedralen der Welt präsentiert (und der Papst nickt!), dann einen alten Katechismus und schließlich ein Fotoalbum, das Bilder zeigt, die exakt vor 25 Jahren aufgenommen wurden: Damals, am 11. Oktober 1988, besuchte Papst Johannes Paul II. das EU-Parlament in Straßburg. Der Fotoband, so Schulz mit einem Augenzwinkern, möge eine gute Vorbereitung für den nächsten Besuch eines Papstes in Straßburg sein. Auch der Papst lächelt.

Die Verabschiedung ist herzlich, Papst Franziskus kommt noch einmal zu jedem Delegationsmitglied und überreicht jedem ein Präsent als Erinnerung an einen außergewöhnlichen Besuch. Wir lassen diesen lebensfrohen Menschen zurück, ihn, der kürzlich gesagt hat: „Sie wissen ja gar nicht, wie gerne ich durch die Straßen von Rom laufen würde.“

Es folgt der Empfang bei Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der nur noch bis Montag im Amt ist und dann von Erzbischof Pietro Parolin ersetzt wird. Auch hier zunächst ein internes Gespräch im kleinen Kreis der Diplomaten, dann ein kurzer Empfang für die gesamte Delegation.

Der Terminplan ist ehrgeizig, schon geht es mit Polizeieskorte weiter durch den dichten römischen Stadtverkehr, ohne auch nur ein einziges Mal anzuhalten. Wir sind im Stadtbezirk Trastevere und besuchen die Gemeinschaft Sant‘Egidio. Martin Schulz trifft dort auch den Karlspreisträger Andrea Riccardi, einen langjährigen Bekannten des Politikers. Und: Immigranten, die vor Jahren zum Teil auch über Lampedusa nach Italien gekommen sind.

Die Berichte der mittlerweile seit einigen Jahren in Italien lebenden Einwanderer sind erschütternd. Eine junge Frau aus Eritrea berichtet von ihrer Flucht vor dem offensichtlich grausamen Wehrdienst. Und sie weint, als sie vom tragischen Schicksal ihrer Schwester und ihres Bruders erzählt.

Daude, ein junger Mann, schildert seine abenteuerliche Flucht aus Afghanistan über den Iran, die Türkei und Griechenland nach Italien. Martin Schulz sagt diesen Menschen, er wolle ehrlich bleiben, er habe keine sofortige Lösung für das Flüchtlingsproblem. Und verspricht, einzelnen Dingen nachzugehen, etwa den Zuständen beim Wehrdienst in Eritrea. Auf dem Programm steht dann ein Besuch der renommierten Universität Gregoriana.

Der Hörsaal ist mit Repräsentanten der Caritas und Studenten relativ spärlich gefüllt, aber die Diskussion ist teilweise durchaus engagiert. Man konfrontiert den Parlamentspräsidenten mit der aktuellen Situation Europas, der beschönigt nichts: „Wir sind einer der reichsten Kontinente der Welt. Wir haben jeden Tag eine wachsende Zahl an Millionären, und wir haben jeden Tag eine wachsende Zahl an Armen.“

Er fordert gute Bildungsgänge, vernünftige Erziehungsmöglichkeiten. Und fasst zusammen: Hoffnungslosigkeit, Rekordzahlen bei der Jugendarbeitslosigkeit. Er spricht kritisch über das Bankensystem. Und jeder weiß: Europa steht vor gigantischen Herausforderungen.

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