Stuttgart - Automatenspielsucht nimmt zu: Gefangen in einem Teufelskreis

Automatenspielsucht nimmt zu: Gefangen in einem Teufelskreis

Von: Wenke Böhm, dpa
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Automatenspielsucht
Baden-Württemberg soll zu den "Boom-Ländern" des gewerblichen Automatenspiels in Deutschland zählen. Experten gehen von mehr als 200.000 Spielsüchtigen aus. Foto: dpa

Stuttgart. „Ich habe sogar...” - Andreas G. zögert kurz - „...an Selbstmord gedacht.” Gefangen in einem Teufelskreis aus Scham und Zwang sah der 43-Jährige keine Perspektive mehr. „Spielsucht ist die schlimmste Sucht”, sagt er.

Wer spielt, lallt nicht, taumelt nicht, riecht nicht. Spielsucht gilt als „Randerscheinung” nimmt aber stetig zu. Die Beratungsstelle der Evangelische Gesellschaft (eva) Stuttgart hat längst mehr zu tun, als sie bewältigen kann. „Wir

können keine Leute mehr annehmen”, sagt Abteilungsleiter Günther Zeltner. Vor allem die Spielsucht an Automaten habe stark zugenommen. Baden-Württemberg zähle zu den „Boom-Ländern” des gewerblichen Automatenspiels in Deutschland.

Wann und warum es bei ihm angefangen hat, weiß Andreas G. nicht mehr. Irgendwann habe er mal Geld in einen Spielautomaten gesteckt. Dann wieder. Und wieder. Bis plötzlich selbst Kleingeld in der Tasche „brannte”. In wenigen Minuten brachte er schon mal 500 Euro durch. Zur Automatensucht kam Drogensucht.

Schuldgefühle zogen ihn runter und trieben ihn weiter in die Abhängigkeit. Als das eigene Geld weg war, „habe ich meine Firma betrogen”. Die Ehe war längst kaputt. „Ich war ganz unten.” Alle Versuche, selbst die Ketten zu sprengen, schlugen fehl. Nach einem schweren Autounfall wurde ihm klar, „dass an einer stationären Therapie nichts mehr vorbeiführte” - schon aus Liebe zu seiner siebenjährigen Tochter.

Talat Ö. kämpft in einer Selbsthilfegruppe gegen die Sucht. Seit er mit 20 Jahren nach Deutschland kam, hängt er immer wieder vor den Automaten. „Wenn ich spiele, setzt mein Verstand aus”, analysiert sich der 45 Jahre alte Single. Seiner Meinung nach müssten die neuen Automaten in Spielhallen, die mittlerweile hohe Einsätze erlauben, viel stärker kontrolliert werden. Ein paar Mal hat er versucht, die Sache in den Griff zu kriegen. „Es zieht mich immer wieder hin.” Schuldgefühle und Depressionen quälen ihn von Zeit zu Zeit. „Dann denke ich, dass ich für dieses Leben vielleicht nicht geeignet bin.”

Experten gehen von mehr als 200.000 Spielsüchtigen in Deutschland aus. Allein in der Stuttgarter eva-Suchtberatung werden nach Auskunft Zeltners 400 bis 500 Spieler betreut. Und es könnten noch mehr sein, wenn das Geld nicht zu knapp wäre. „Wir haben jetzt schon rund doppelt so viele, wie wir eigentlich betreuen können”, sagt er. Wurden 2007 noch 173 Erstgespräche geführt, waren es 2008 mehr als 350. Zeltner bemängelt, dass sie nicht mehr Zuschüsse bekämen, obwohl sie auf Spielsucht spezialisiert seien. „Die Kommunen machen mit Spielautomaten Gewinn - über die Vergnügungssteuer. Der Kämmerer hat Gutes davon, Sozialamt und Polizei müssen die Folgen tragen.”

Laut einer Untersuchung des Arbeitskreises gegen Spielsucht gab es am 1. Januar 2008 in 245 von 250 baden-württembergischen Kommunen mit mehr als 10.000 Einwohnern 10.830 Geldspielgeräte in Spielhallen und 8861 in Gaststätten. In Stuttgart standen 2007 nach einer Erhebung des Städtetages 895 Spielgeräte mit Gewinn in Gaststätten und 574 in Spielhallen. Jedes Spielhallen-Gerät brachte der Stadt monatlich 199 Euro ein, jeder Gaststätten-Automat 82. Laut Städtetag machen Glückspielgeräte das Gros der Vergnügungssteuereinnahmen aus. Diese lagen 2007 etwa in Stuttgart bei 2,81 Millionen Euro.

„Rund ein Drittel der Spielsüchtigen, die zu uns kommen, haben einen Selbstmordversuch hinter sich”, erzählt Andreas Lindner, Leitender Psychologe am Therapiezentrum Münzesheim bei Bruchsal. Die Nachfrage nach Therapien wachse auch bei ihnen. Und er hat beobachtet: „Die Sucht ist vielschichtiger geworden.” Zur Automatensucht kämen mittlerweile - auch wegen des Internets - verstärkt weitere Abhängigkeiten hinzu, etwa von Poker und Sportwetten. Viele Spieler seien zusätzlich Alkohol oder Drogen verfallen. Wichtig für den Ausstieg sei die „Abstinenzentscheidung”, der wahre Wille zum Aufhören.

Andreas G. hat das verinnerlicht. „Spielen will ich definitiv nicht mehr”, sagt er. Dass er sein altes Leben hinter sich gelassen habe, mache es ihm leichter. Bewerbungen hat er schon verschickt, und gegen den Spieldrang kämpft er mit Sport an. „Das hilft, mein Selbstwertgefühl zu steigern - eine Glückspille zum Nulltarif.”
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