Als der Papst nach der Weltmacht griff

Von: Ruppert Mayr, dpa
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Salier Dynastie
Der Reichsapfel Heinrichs III im historischen Museum der Pfalz in Speyer. (1017-1056). Die Stadt und das Bistum Speyer haben dieses Jahr zum "Salierjahr 2011" erklaert. Eine grosse Ausstellung ueber die Salier, die im 11. und 12. Jahrhundert ueber das Heilige Roemische Reich herrschten, eroeffnet. In der Schau werden Originale von Weltrang und Leihgaben aus internationalen Museen und Sammlungen praesentiert. Darunter sind Handschriften, liturgische Geraete, Skulpturen und Bauplastiken sowie archaeologische Funde aus dem 10. bis 12. Jahrhundert. Foto: dapd

Berlin. Die Entführer lockten den Jungen in jenen Apriltagen des Jahres 1062 auf ein prächtig geschmücktes Schiff und machten dann zur völligen Überraschung der Mutter und der anderen Umstehenden die Leinen los. Der Elfjährige versuchte noch zu fliehen und stürzte sich in die Fluten des Rheins.

Bevor der Nichtschwimmer aber unterging, wurde er von einem der Schiffsinsassen aus dem Wasser gezogen. Heinrich IV., so vermutet man, war durch diese Aktion, den „Staatsstreich von Kaiserswerth” bei Düsseldorf, zumindest geschockt, wenn nicht traumatisiert.

Entführt wurde der unmündige Salier-König vor den Augen seiner Mutter Agnes vom Kölner Erzbischof Anno. Heinrichs Vater, Kaiser Heinrich III., starb, als sein Nachfolger fünf Jahre als war. Die Königs-Mutter übernahm zunächst für den unmündigen Sohn die Regierungsgeschäfte. Dann aber sicherte sich der Kölner Erzbischof durch die Verfügungsgewalt über den minderjährigen König Einfluss auf die Reichsgeschäfte.

Während der Minderjährigkeit Heinrichs IV. kam es zur Entfremdung zwischen der Reichsregierung und dem Papsttum in Rom. Sein Vater, Heinrich III., hatte eine Reform von Kirche und Papsttum intensiv vorangetrieben. In diese Zeit fallen Änderungen, die heute noch bestehen.

So wurde 1059 erstmals ein Vorwahlrecht der Kardinäle festgelegt. Die Päpste begannen, sich „nicht mehr nur als Bischöfe von Rom” zu verstehen, „sondern als Spitze der Kirche mit Führungsanspruch über die ganze Christenheit. Die Kirche wurde zur Papstkirche”, schreibt der Regensburger Historiker Martin Clauss.

Der neu formulierte Machtanspruch der Päpste schlug Heinrich IV. bei der Übernahme der Regierungsgeschäfte ab etwa 1065 mit voller Wucht entgegen. Von 1073 an ist Gregor VII. sein Gegenspieler, ein Papst, der dieses Amt maßgeblich prägte. Gregors Leitsätze lauteten unter anderem: „Dass alle Fürsten allein des Papstes Füße küssen sollen” oder „Dass die römische Kirche niemals geirrt hat und nach dem Zeugnis der Schrift auch fürderhin niemals irren wird”.

Der Machtkampf zwischen Papst und König eskalierte. 1076 exkommunizierte Gregor Heinrich, der auch innenpolitisch unter Druck stand. Dies traf Heinrich nicht nur als Christ, sondern gefährdete ihn auch als König. Ihm wurde die Königsherrschaft abgesprochen und alle seine Untertanen wurden ihrer Treuepflichten entbunden.

Es war das erste Mal, dass ein Papst einen deutschen König mit dem Bann belegte. Das ist auch insofern bemerkenswert, als es dem Papst mit einem abstrakten theologischen Instrument gelingt, sich über die tagesaktuelle Machtpolitik zu erheben. Damit hält er in der politischen Auseinandersetzung eine zumindest zu diesem Zeitpunkt (noch) sehr scharfe Waffe in Händen. Was folgt, ist jener berühmte Gang Heinrichs IV. nach Canossa im Winter 1077.

Die Nachwelt sah in der Büßergeste des Saliers einerseits eine enorme päpstliche Demütigung des Königtums, andererseits aber einen geschickten Schachzug Heinrichs, um den Papst zu zwingen, ihn wieder in die Kirche aufzunehmen. Nur so konnte er seiner Absetzung durch Papst und deutschen Adel zuvorkommen.

Es gab wohl auf beiden Seiten Blessuren. Entscheidend aber ist, dass das Papsttum in der Auseinandersetzung mit den Saliern einen universalen Anspruch etablieren konnte und gleichzeitig den König auf ein bloß nationales Maß stutzen wollte. Dies hätte den deutschen Herrscherhäusern für die Zukunft quasi den Weg zur Kaiserwürde versperrt.

Martin Clauss beschreibt diese Entwicklung unter den Saliern im 11. Jahrhundert in seinem Buch „Die Salier” sehr verständlich. Es ist daher nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für historisch Interessierte geschrieben, zumal es mit zahlreichen Bildern, Grafiken und Zeittafeln das Verständnis noch erleichtert.

Martin Clauss: Die Salier, Primus Verlag, Reihe: Wissen im Quadrat, 96 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-89678-844-3; dazu gibt es auch ein Hörbuch.
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