Aachen - Alleskönner im praktischen Scheckkartenformat

Alleskönner im praktischen Scheckkartenformat

Von: Christina Diels
Letzte Aktualisierung:
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Im Scheckkartenformat: Manfred Päschke, Forschungsleiter der Bundesdruckerei in Berlin, präsentiert einen elektronisch lesbaren Personalausweis (Archivfoto vom 12. Dezember 2008). Ab November 2010 werden die Ausweise mit biometrischen Daten die heutigen Personaldokumente Foto: ddp

Aachen. Erika Mustermann lächelt wieder: Gewohnt freundlich grüßt sie von der Vorlage des neuen elektronischen Personalausweises. Noch ungewohnt ist das Format: Das Ausweisdokument mit integriertem Chip, das am 1. November 2010 den alten Ausweis ablösen soll, ist so groß wie eine Scheckkarte. Bürgerinnen und Bürger können sich damit im Internet elektronisch ausweisen: gegenüber Behörden und privaten Unternehmen.

Ein Beispiel: Sie sind umgezogen und wollen der Behörde Ihren neuen Wohnort mitteilen. Den Gang zum Amt können Sie sich sparen, die Wartezeit entfällt. Sie legen Ihren Ausweis auf ein Lesegerät, das Sie sich zulegen müssen und das mit ihrem heimischen PC verbunden ist.

In einem zweiten Schritt geben Sie mit einer Pin-Nummer die Daten frei. Ihren Namen, Ihren Geburtsort, Ihren Wohnort und Ihre Unterschrift. Bequem von zuhause. Genauso funktioniert es bei der Steuererklärung. Die ausgedruckte und von Hand unterschriebene Steuererklärung brauchen Sie nicht mehr per Post zu verschicken.

Ein höheres Sicherheitsniveau?

Auch bei privaten Firmen (zum Beispiel für Online-Banking oder -Shoppen) funktioniert das elektronische Verfahren, sofern die ein Berechtigungszertifikat vom Bundesverwaltungsamt erhalten haben. Das Bundesministerium verspricht sich ein höheres Sicherheitsniveau. Anbieter von Online-Diensten und deren Nutzer werden sich gegenseitig zuverlässig identifizieren können, heißt es.

Weiterhin soll der elektronische Nachfolger des Personalausweises die Identität der Person feststellen. Das Bundesinnenministerium spricht von einem „sicheren Reisedokument mit biometrischen Merkmalen für behördliche Kontrollen”. Täuschungsversuche mit gestohlenen Dokumenten würden schneller auffallen. „Weil man das Foto auf dem Bildschirm vergrößern kann und so deutlicher erkennt”, sagt eine Sprecherin.

Den Probelauf für den chipgesteuerten Ausweis hat der Beauftragte der Bundesregierung für Informationstechnik, Hans Bernhard Beus, bereits eingeläutet. Er will „schon im Vorfeld der Einführung Akzeptanz schaffen”. Vom 1. Oktober 2009 bis 30. Oktober 2010 testen 30 Unternehmen, ob der neue Ausweis in der Praxis taugt. Eine Firma prüft, wie leicht es ist, mit dem neuen Ausweis sein Alter an einem Zigarettenautomaten nachzuweisen. Versicherungen beteiligen sich, um zu sehen, wie der Kunde künftig mit dem Ausweis online Verträge abschließen kann. Die Deutsche Kreditbank probiert das neue Verfahren, sich elektronisch auszuweisen, beim Online-Banking.

Technische Probleme sind Ingo Bickel vom Unternehmen „Hagener Konsortium” bislang nicht bekannt. Mit seinem Projekt „Rathaus21” testet er als Pilotanwender ebenfalls die Funktionen für das Innenministerium. „Mit Prototypen digitaler Personalausweise kann man sich anmelden, identifizieren und die Verwaltungsdienstleistungen sicher nutzen”, sagt er. Für ihn ein großer Schritt, um den Sachbearbeiter des 21. Jahrhunderts von lästigen Routinearbeiten zu befreien. Das größte Anwendungsproblem für ihn: die Angst vor dem Neuen. „Es wäre ein herber Rückschlag, wenn die meisten Bürger die nützlichen Funktionen schon bei der Ausgabe deaktivieren würden.”

73 Prozent der Deutschen nutzen Computer und Internet. Das geht aus einer Studie des Statistischen Bundesamtes hervor. Ob sich das neue Verfahren zur elek-tronischen Identifizierung im Netz durchsetzt, wird sich zeigen. Dieter Kempf vom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) ist sich sicher: „An Akzeptanz mangelt es dieser Technologie nicht.” Er spricht von „einem großen Schritt zu mehr Sicherheit im elektronischen Handel”. So sieht es auch das Innenministerium. Man will das Vertrauen der Bevölkerung in elektronische Transaktionen steigern und mit dem neuen Ausweis die Internetkriminalität bekämpfen.

Kritik äußert Bettina Sokol, die Landesbeauftragte für Datenschutz von Nordrhein-Westfalen. Sie hat Bedenken, weil biometrische Merkmale gespeichert werden. Neben dem biometrischen Foto kann der Ausweisinhaber optional seine Fingerabdrücke hinterlegen. Die Landesbeauftragte befürchtetet, dass der soziale Druck wächst, sich für die Fingerabdrücke zu entscheiden. Sprecher Nils Schröder betont: „Fingerabdrücke sind dazu da, Verbrecher zu suchen. In den Ausweisen haben sie nichts zu suchen.”

Nachbar Belgien hat die elektronischen Ausweise im Jahr 2005 eingeführt. Bis September 2009 müssen alle Bürger ihren alten Ausweise gegen einen elektronischen eintauschen, sagt eine Sprecherin des Bevölkerungsdienstes der Stadt Eupen. „Der Vorteil für uns ist, dass wir den Ausweis nicht mehr ändern müssen, wenn wir in eine andere Gemeinde ziehen”, sagt sie. „Der Nachteil ist, dass nicht klar ist, in welchen Ländern Lesegeräte vorhanden sind.” Name, Geburtsdatum und -ort sind optisch sichtbar auf der Karte, die Adresse ist nur digital gespeichert.

Auf zehn Jahre Erfahrung mit dem elektronischen Ausweis blicken die Finnen zurück. Papio Aaltonen von der finnischen Meldebehörde sagt: „Die Bürger akzeptieren den Ausweis, wir haben gute Erfahrungen gemacht.” Anfangs war die elektronische Version optional, mittlerweile sei sie Pflicht. Seit Juli 2009 mit Fingerabdruck. Bedenken? „Nein”, sagt Sakari Harku, Polizeibeamter in Helsinki. „Die Leute wissen, dass die Abdrücke nicht für die Polizei sind, sondern nur für die Identifikation.” Aus dem Grund hat auch der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Nordrhein-Westfalen, Frank Richter, keine Bedenken. „Problematisch wäre es, wenn mit den Abdrücken systematisch eine Kartei aufgebaut würde.”

„Daten fliegen durch die Welt”

Hartmut Pohl, Sprecher für Datensicherheit der Gesellschaft für Informatik, hinterfragt die Fingerabdrücke dennoch: „Ist das nötig?” Er sieht darin nicht mehr Fälschungssicherheit und bewertet die Abdrücke als Sicherheitsrisiko. „Daten fliegen durch die Welt, ein Fehler passiert, das ist menschlich”, sagt er. „Dann fällt Google über einen Server her und meine Fingerabdrücke tauchen im Internet auf.” Pohl findet die elektronische Identifizierung überflüssig. Er komme im Internet bei der Steuererklärung und beim Online-Shopping bislang gut zurecht.

Der Versandhandel bestätigt, dass man mit der Sicherheit im Internet kein Problem habe. Die Ausweise könnten die Sicherheit verbessern, aber die Identität der Kunden überprüfe man ohnehin. Keineswegs stünde jeder unter Generalverdacht, aber wer sich als Donald Duck oder Erika Mustermann aus Himmelspforte anmeldet, der fällt auf. Auch ohne elektronische Identifizierung.
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