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80 Jahre „Tempo”-Taschentuch: Als das Wegwerfen salonfähig wurde

Von: Frank Christiansen, dpa
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Mit einem Papiertaschentuch putzt sich Marion am 19.1.2004 in Hamburg ihre verschnupfte Nase. Das Papiertaschentuch wird dieses Jahr 80 Jahre alt. Foto: dpa

Neuss. In diesen kalten Tagen ist es wieder vor aller Mund und Nase: Das Papier-Taschentuch. Seit 80 Jahren hat sich für das Tüchlein der Name einer Marke als Gattungsbegriff in die deutsche Sprache eingeschlichen: Wer um ein „Tempo” bittet, nimmt in seiner Not meist auch gerne Produkte der Konkurrenz.

Und wer „die billigen Tempos” verlangt, wird verstanden, obwohl er eigentlich gar keine Tempos will.

Jedes dritte Papiertaschentuch in Deutschland ist eines der Marke Tempo, damit bleibt diese trotz der vielen namenlosen Produkte der Discounter-Ketten die Nummer Eins.

20 Milliarden Schnupftücher werden von 460 Mitarbeitern in Neuss bei Düsseldorf jedes Jahr produziert, um von dort aus in ganz Deutschland Nasen zu schneuzen und Tränen zu trocknen.

Die Wiege der deutschen „Schneuzkultur” stand in Heroldsberg bei Nürnberg. Am 29. Januar 1929 ließen sich die Vereinigten Papierwerke Nürnberg beim Reichspatentamt in Berlin das Warenzeichen „Tempo” als Marke eintragen. Es war das erste Einmal-Taschentuch aus reinem Zellstoff.

Die Hygiene erleichterte den Einstieg in die Einweg- und Wegwerf- Mentalität: Wer seiner Frau noch zumute, vollgeschnupfte Stofftaschentücher zu waschen, wurde in den 1930ern von der Werbung ziemlich unverhohlen als Unhold gebrandmarkt.

Die Werber hatten die deutsche Hausfrau bald davon überzeugt, dass ein Taschentuch zum Einmalgebrauch viel sauberer als ein konventioneller „Schnieflappen” aus Stoff sei. Wobei Mediziner betonen, dass ein gewaschenes Stofftuch genauso unbedenklich ist, wenn es nur einmal benutzt wird.

Auch die Umwelt-Bewegung und der Mehrweg-Gedanke des Öko-Booms rührten nicht am „Tempo”. Während Plastiktüten bald ins Visier der Öko-Kämpfer gerieten, blieb das Einweg-Schneuztuch auch in grünen Kreisen weitgehend tabu. Statistisch gesehen greift jeder Mensch in Deutschland mindestens einmal täglich zum „Tempo”: 90 Millionen Stück werden Tag für Tag aus Cellulose hergestellt.

Dazu werden Holzfasern in kleine Chips gehäckselt und gekocht. Der Papierbrei wird dann getrocknet, zu großen Bahnen ausgerollt und anschließend geschnitten. Jeweils vier Lagen davon ergeben ein Taschentuch.

Dass „Tempo” wie „Tesa” oder „Selters” zum Begriffsmonopol werden konnte, zeigt den Erfolg und Einfluss der massiven Marken-Kampagnen. In mehr als 40 Ländern ist die Marke ein Begriff, in Deutschland liegt ihr Bekanntheitsgrad nahe 100 Prozent.

Ingenieure tüfteln nach wie vor daran, den technischen Spagat zwischen Hautfreundlichkeit und Reißfestigkeit zu verbessern. Auch am scheinbar einfachen Produkt gelangen noch nach vielen Jahrzehnten Neuerungen wie die Z-Faltung (1975), durch die sich das Taschentuch schnell mit einer Hand entfalten lässt, und die wieder verschließbare Verpackung (1988).

Zum Klassiker gesellt sich inzwischen ein ganzes Produktsortiment mit neun Varianten. Nachdem das ursprünglich deutsche Tempo seit 1994 in US-Regie vom Konsumgüterriesen Procter & Gamble vertrieben wurde, gehört es seit 2007 zur schwedischen SCA Gruppe, die insgesamt 8600 Mitarbeiter beschäftigt und zwei Milliarden Euro umsetzt.
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