30 Jahre nach „Wiesn”-Attentat - „Der Fall ist nicht zu Ende”

Von: Sabine Dobel, dpa
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Wiesn-Attentat
Mit Tüchern zugedeckte Todesopfer liegen neben Blutlachen am Tatort des nächtlichen Anschlages auf dem Münchner Oktoberfest. 13 Menschen starben bei dem Anschlag vor 30 Jahren. Foto: Istvan Bajzat, dpa

München. Es war das blutigste Attentat in der Geschichte der Bundesrepublik. 1980 riss eine Bombe auf dem Münchner Oktoberfest 13 Menschen in den Tod und verletzte über 200. Bis heute glauben viele nicht, dass ein einzelner Rechtsradikaler aus privatem Frust die Tat beging.

Eine Stichflamme, ein Feuerball, dann mitten im bierseligen Oktoberfestausklang schreiende Menschen - die Schreckenstat von München ist auch nach 30 Jahren unvergessen. Am 26. September 1980 um 22.19 Uhr explodiert in der Menschenmenge die Bombe eines Rechtsradikalen. In einem Umkreis von 30 Metern liegen verstümmelte Leichen, Verletzte rufen um Hilfe. Die Bilanz: 13 Tote, unter ihnen drei Kinder, und mehr als 200 Verletzte.

Bis heute gibt es Zweifel, ob der Rechtsradikale Gundolf Köhler aus Donaueschingen die Tat gut eine Woche vor der Bundestagswahl alleine und nur aus persönlichem Frust begangen hat. Augenzeugen wollen in dem Auto, in dem Köhler nach München kam, Mitfahrer gesehen haben, die sich gestikulierend unterhielten.

Spekuliert wird auch, dass Köhler mit anderen zusammen ein Nachahmungstäter war, der den Anschlag Rechter acht Wochen zuvor auf den Bahnhof von Bologna mit 85 Toten zum Vorbild nahm. Nach einem Bericht des „Spiegel” gibt es in einem Nachlass aus Süddeutschland möglicherweise wiederum neue Hinweise darauf, dass ein Hauptzeuge des Attentats ein aktiver Rechtsradikaler gewesen sein und Verbindungen zum Verfassungsschutz gehabt haben könnte.

Der Attentäter Köhler, ein 21-jähriger Geologie-Student und früherer Anhänger der dann verbotenen rechtsextremistischen „Wehrsportgruppe Hoffmann”, hatte nach einer verpatzten Prüfung den Sprengsatz mit 1,39 Kilogramm TNT in einem Mülleimer am Wiesn-Haupteingang deponiert. Er starb selbst bei der Explosion.

Opfervertreter und Politiker verlangen bis heute die Wiederaufnahme des Verfahrens. Doch erst im August habe er einen Bescheid der Bundesanwaltschaft bekommen, dass es für sie keinen Anlass gebe, die Ermittlungen wieder aufzunehmen, sagt Opfer-Anwalt Werner Dietrich.

Ein „dicker Hammer” ist für Dietrich, aber auch für den Autor Ulrich Chaussy und den damaligen Chef des Münchner Ordnungsamtes und jetzigen bayerischen Verfassungsrichter Klaus Hahnzog (SPD), dass amtlich verwahrte Beweismittel von damals Ende der 1990er Jahre vernichtet wurden. Andere Jahrzehnte zurückliegende Verbrechen würden mit den neuen kriminaltechnischen Verfahren neu aufgerollt und vielfach gelöst. Hahnzog verweist unter anderem auf RAF-Verfahren, und Dietrich betont: „Das wäre eine Fundgrube für Kriminalisten heute gewesen.” Etwa gab es laut Chaussy mehr als 40 Zigarettenkippen unterschiedlicher Marken aus Köhlers Auto sowie ein Stück einer abgerissenen Hand, deren Fingerabdruck sich auf Dingen in Köhlers Wohnung fand und die niemandem zugeordnet werden konnten.

Chaussy, der den Fall unter anderem in dem Buch „Oktoberfest. Ein Attentat” aufarbeitete, sieht sein „Unbehagen an der Einzeltäterthese” nach jüngsten Recherchen im Bundesarchiv noch bestärkt. „Wir wissen ja bis heute so gut wie nichts über den Anschlag.” Nicht einmal, wie die Bombe gezündet wurde, sei bekannt. Und: „Ich kann das Psychogramm des Täters noch weniger verstehen.”

Die Bundesanwaltschaft befand damals, Köhlers Motiv könne „sowohl auf eine schwere Persönlichkeitskrise als auch auf Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen” zurückgehen. Eine zeitweise 100 Mann starke Sonderkommission überprüfte mehr als 860 Hinweise und befragte 1800 Zeugen, bis der Fall gut zwei Jahre später zu den Akten kam. Ein Tatverdacht gegen andere Personen habe sich nicht ergeben, erklärten die Ermittler.

Klaus Pflieger, damals bei der Bundesanwaltschaft verantwortlich für die Aufklärung des Attentats und heute Generalstaatsanwalt in Stuttgart, weist Vorwürfe zurück, es sei nicht ausreichend nach möglichen Mittätern Köhlers gesucht worden. „Wir haben sehr, sehr viel Arbeit investiert, um festzustellen, dass er der Täter war.” Auch die Ermittler seien emotional berührt und damit hochengagiert gewesen. Man habe die Ermittlungen eingestellt, weil es einfach keine neuen Ansätze mehr gegeben habe.

„Was für mich feststeht, ist, dass der Täter einen rechtsextremen Hintergrund hatte”, sagt Oberbürgermeister Christian Ude (SPD). „Ich rede nicht über Mittäter, weil ich keine Beweise habe.” Am Mahnmal an der Theresienwiese wird er zum Jahrestag an diesem Sonntag mit Vertretern der DGB-Jugend der Opfer gedenken.

Hahnzog wird deutlicher. „Das Motiv war zu zeigen: Diese Demokratie ist verletzbar. Wir brauchen einen starken Mann und Auswahlkriterien wie bei den Nazis”, sagt der Verfassungsrichter über Köhler. Vor der Bundestagswahl mit den Kanzler-Kandidaten Helmut Schmidt (SPD) und Franz Josef Strauß (CSU) sei am meisten Aufsehen zu erregen gewesen. „Eine Wiederaufnahme ist aus meiner Sicht überfällig.” Im Strafrecht gehe es auch um Rechtsfrieden. „Es ist klar, dass Leute wissen wollen: Was war da, wer war es? Nicht aus Rachegefühlen, sondern zum innerem Frieden.” Wichtig sei als Konsequenz, rechtem Gedankengut keinen Boden zu geben.
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