Aachen/Düsseldorf - Millionenverluste im Dauerstau: Verkehrschaos sorgt für hohen Schaden

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zur Webansicht Sa. 16.12.2017

Millionenverluste im Dauerstau: Verkehrschaos sorgt für hohen Schaden

Von: Hermann-Josef Delonge und Eckhard Rüger
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Aachen/Düsseldorf. Jürgen Zimmer zum Beispiel. „Aufträge in Köln lehne ich inzwischen ab, weil das nicht mehr umsetzbar ist“, sagt der Inhaber eines Installateurbetriebs in Burscheid. „Es ist ja keine Freizeit, die unsere Monteure im Auto verbringen.“ Aber wenn er wegen der dauerverstopften A1 für eine einstündige Reparatur am Ende vier Stunden in Rechnung stellen muss, „ist das kundenunfreundlich und bringt nur einen schlechten Ruf“.

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Stau auf der A3 bei Köln: Das kostet Zeit, Nerven – und Geld. Foto: dpa

Zeit ist Geld, auch für Handwerksbetriebe. An kaum einer anderen Stelle wird das so deutlich wie im täglichen Verkehrsstau. Das überlastete Straßennetz in NRW mit den besonders neuralgischen Punkten entlang der Rheinschiene und im Ruhrgebiet ist eine gigantische Geldvernichtungsmaschine. Wie gigantisch, dazu kursieren unterschiedlichste Berechnungen. Manche davon sind interessengeleitet, auch erklären sich zum Teil gravierende Unterschiede bei den Summen durch große Differenzen bei den Grundannahmen. Aber sicher ist: Es handelt sich um enorme Summen.

Der Verkehrsforscher Prof. Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen hat ausgerechnet, dass schon allein ein vier Kilometer langer Stau auf einer zweispurigen Autobahn über einen Zeitraum von drei Stunden einen Schaden von 100.000 Euro verursacht. Für ganz Deutschland beziffert er den gesamtwirtschaftlichen Schaden durch Staus auf jährlich 100 Milliarden Euro. Defensiver kalkuliert der Verkehrsdaten-Spezialist Inrix: Danach verursachten die Staus in Deutschland im vergangenen Jahr Gesamtkosten von 69 Milliarden Euro. Andere Zahlen sprechen dagegen nur von zehn bis 12,5 Milliarden.

Ein Grund für die großen Unterschiede liegt in den Zeitkostensätzen, die teilweise mit gut 56 Euro pro Stunde, teilweise mit nur 20 Euro angesetzt werden. Auch die Ermittlung der Zeitverluste selbst erfolgt nach unterschiedlich gewählten Geschwindigkeiten. Zudem variieren die Personenzahl pro Pkw. In einer zusammenfassenden Studie im Auftrag des NRW-Verkehrsministeriums kam Prof. Justin Gestefeldt von der Ruhr-Universität Bochum 2011 zu dem Ergebnis, aus den staubedingten Zeitverlusten auf den Autobahnen in NRW ergäben sich „volkswirtschaftliche Kosten in Höhe von 250 Millionen Euro pro Jahr“.

Neben solchen Versuchen, eine Gesamtsumme zu ermitteln, gibt es zahlreiche Detailbetrachtungen. So haben die sieben Industrie- und Handelskammern im Rheinland Mitte des Jahres eine Modellrechnung für die Kosten durch die maroden Autobahnbrücken in NRW aufgestellt: „Täglich fahren etwa eine Million Fahrzeuge über die Rheinbrücken. Wenn jedes dieser Fahrzeuge nur zehn Minuten täglich durch Stau, Unfälle oder gesperrte Straßen verliert, kostet es die Gesellschaft nach unseren Schätzungen jährlich über 800 Millionen Euro oder 2,2 Millionen Euro pro Tag“, heißt es dort.

„Das Rheinland steht vor dem Verkehrskollaps – und dies hat massive Auswirkungen auf die gesamte wirtschaftliche Entwicklung Nordrhein-Westfalens“, resümiert der Hauptgeschäftsführer der IHK Aachen, Michael F. Bayer. Er weist darauf hin, dass der Güterverkehr im Rheinland nach Hochrechnungen der IHK bis 2030 um rund 40 Prozent zunehmen werde, der reine Transitverkehr auf der Straße um bis zu 52 Prozent.

Nicht mehr berechenbar

Auch beim Dachverband Handwerk NRW gibt es Klagen: „Köln und Düsseldorf sind für Fahrzeuge aller Art kaum mehr zu einem vorausberechenbaren Zeitpunkt zu erreichen“, heißt es dort. Die Handwerkskammer Köln hat per Unternehmensumfrage eine Schadensschätzung für ihren Bezirk ermittelt. Danach betrugen die verkehrsbedingten Umsatzverluste für das Jahr 2015 aufgrund von Konventionalstrafen, stornierten Aufträgen und vergraulten Kunden rund 240 Millionen Euro. „Für die gesamte Metropolregion Köln/Düsseldorf dürfte dieser Wert doppelt so hoch liegen“, sagt Andreas Ehlert, Präsident des Verbands.

Für die Aachener Region lassen sich keine konkrete Summen ermitteln, die durch Verkehrsbehinderungen für die Betriebe entstehen. Die Ergebnisse einer Sonderumfrage der Handwerkskammer Aachen aus dem Frühjahr 2016 zeigen jedoch die Richtung auf. Die Studie fasst es so zusammen: „Wenn Stillstand oder Schneckentempo wegen Baustellen, Staus oder Sperrungen angesagt sind, hat das schnell längere Arbeitszeiten, Hetze bei der Auftragsabwicklung, unzufriedene Kunden sowie Liquiditäts- und Personaleinsatzprobleme zur Folge.“

Das bestätigt zum Beispiel Michael Hemmersbach, Obermeister der Baugewerbe-Innung im Kreis Heinsberg und Geschäftsführer einer Bauunternehmung in Übach-Palenberg. „Je nachdem, wo die Baustelle liegt, fangen wir schon um 6.30 Uhr in der Frühe an, um den Verkehrsbehinderungen und Staus auszuweichen“, sagt er. So entstehen höhere Kosten, die sich in der Kalkulation wiederfinden müssten – was im Wettbewerb allerdings mitunter schwierig ist.

8,1 Stunden pro Woche

Konkret sieht die Einschätzung der Betriebe in der Umfrage der Handwerkskammer so aus: Knapp 30 Prozent vergeben für den aktuellen Zustand der regionalen Straßeninfrastruktur die Noten „ausreichend“ (16,4 Prozent) oder sogar „mangelhaft“ (12,7 Prozent). Im Umkehrschluss sind allerdings auch gut 70 Prozent mindestens zufrieden. Der hohe Anteil der Unzufriedenen mache deutlich, „dass die Grenzen der Belastbarkeit in manchen Teilregionen oder Orten überschritten sind“, so die Handwerkskammer. Die Probleme beeinflussen bereits bei 35,4 Prozent der Betriebe die Geschäftstätigkeit. Baustellen, zu hohes Verkehrsaufkommen, aber auch die Parkplatzsuche vor Ort machen sich vor allem beim Zeitkonto bemerkbar.

Der wöchentliche Zeitverlust beträgt nach Berechnungen der Handwerkskammer 8,1 Stunden, also ein Arbeitstag. Hauptgeschäftsführer Peter Deckers macht aber auch auf ein „klassisches Dilemma“ aufmerksam: „Die am häufigsten genannten Störungen kommen durch Baustellen zustande. Diese können allerdings, wenn auch sicherlich nicht in jedem Fall, der Ertüchtigung der Verkehrsinfrastruktur dienen – so dass nach Fertigstellung alle Verkehrsteilnehmer davon profitieren.“

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