Aachen - Fjørt: Ein Sound, der nach vielem klingt, nur nicht nach Charts

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zur Webansicht Sa. 16.12.2017

Fjørt: Ein Sound, der nach vielem klingt, nur nicht nach Charts

Von: Alexander Barth
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Hysterie klingt anders. „Eine Positionierung in den Charts ist für uns im Grunde nur eine Zahl und kein Indikator, etwas gut gemacht zu haben“, sagt David Frings, Bassist der Aachener Band Fjørt, auf die Frage was ihm der Einstieg seiner Band auf Platz 24 der offiziellen deutschen Album-Hitliste bedeutet.

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Platz nehmen vor der Tapete mit Blumenornament für das Pressefoto: (v.l.) David Frings, Frank Schophaus und Chris Hell bilden seit 2012 die Aachener Post-Hardcore-Band Fjørt. Foto: Andreas Hornoff

„Es ist allerdings sehr schön zu merken, dass anscheinend viele Menschen eine Platte gekauft haben, auf der ungemütliche und laute Musik enthalten ist.“ Jenes laute und ungemütliche Werk trägt den Namen „Couleur“, die Musik trägt den Genre-Stempel Post-Hardcore. Harte Gitarren, komplexe Songs mit dramatischen Brüchen, sanfte Elektroniksplitter, die Texte in der Mehrzahl herausgeschrien denn gesungen. Es ist ein Sound, der nach vielem klingt – nur nicht nach den Charts.

Der jetzt messbare Erfolg hat seine Vorgeschichte in den Tiefen der Punkrock- und Hardcore-Szene mit ihren Konzerten in Jugendzentren, ehrenamtlichen Veranstaltern und unabhängigen Plattenlabels. Gut zwei Jahre hätten sie nach ihrer Gründung 2012 vor kleinem Publikum gespielt, „20, 30 Leute in der Regel“, schätzt Frings. 2014 brachte das Debütalbum „D‘Accord“ – damals noch beim Independent-Label This Charming Man Records aus Münster erschienen – die nötige Aufmerksamkeit, um sich auch für größere Live-Aufgaben zu empfehlen. Zur Veröffentlichung des Zweitwerks „Kontakt“ folgte 2016 der Wechsel zur Hamburger Plattenfirma Grand Hotel Van Cleef von Thees Uhlmann, selbst erfolgreicher Musiker und Buchautor.
Vom Luxus der Zeit im Studio

Jetzt also ist das Album „Couleur“ erschienen – entstanden unter Umständen, „wie man sie sich als Band nur wünschen kann“, sagt Schlagzeuger Frank Schophaus. Soll heißen: komplette Konzentration über mehrere Wochen auf die Aufnahmen statt Stückwerk an einzelnen Wochenenden wie noch zu Anfangszeiten. „Daran spürt man den Luxus, den wir uns als Band mittlerweile gönnen können, und für den wir unheimlich dankbar sind. Nämlich die Möglichkeit, mit einer Plattenfirma im Rücken völlig in den Tunnel gehen zu können, um ein Album aufzunehmen“, sagt Sänger und Gitarrist Chris Hell.

Neben seiner Rolle als Songschreiber ist er für eines der prägenden Elemente im Sound von Fjørt zuständig: Sein Gesang kommt für ungeübte Ohren sicher recht brutal daher, kommt auf „Couleur“ allerdings bereits mit weniger Schrei-Passagen aus als auf früheren Veröffentlichungen. „Irgendwann gab es einen Punkt in unserer Arbeit als Band, ab dem ich mir mehr Zeit genommen habe, um mich mit meinem Gesang auseinanderzusetzen und damit, was ich transportieren will“, sagt Hell dazu.
Dass dieser neue Fokus den einen oder anderen Melodiebogen hervorbringt – ein angenehmer Umstand, der im Wechselspiel mit Frings breite Dynamik entfaltet und jene Positionen und Emotionen transportiert, wie sie die oft persönlichen und selbstreflektierenden Texte ankündigen. Dazu gesellt sich politischer Anspruch, offen kommuniziert in der Ablehnung von rechten Positionen und der Gleichgültigkeit gegenüber selbigen: „Ich hab 1933 Gründe, schwarz zu sehen“, heißt es etwa im Song „Raison“.

Mittlerweile zählen Fjørt, deren Mitglieder allesamt in Aachen wohnen „und das auch in absehbarer Zeit ums Verrecken nicht ändern wollen“ (Frings), zur Speerspitze einer Reihe von deutschsprachigen Bands, die mit einer Mischung aus Härte und Gefühl ein größeres Publikum bewegen. Mittlerweile hat dieser Sound seinen Platz im Kosmos Alternativer Musik. Auch Fjørt profitieren davon, ihre Konzerte finden mittlerweile vor Hunderten Zuschauern statt und sind nicht selten vorab ausverkauft – so wie in Köln und Münster im Rahmen der Tournee im Januar 2018. Zudem adelt das Musikmagazin „Visions“ die Band mit einer Titelgeschichte in ihrer Dezember-Ausgabe.

Wann Fjørt mal wieder in der Heimat auftreten, steht derzeit noch nicht fest. Das Gefühl dazu stimmt jedenfalls. „Die Aachener Szene hat uns geprägt, dafür werden wir ewig dankbar sein“, sagt Frings. „Vor allem der Musikbunker mit seiner unfassbar wichtigen Arbeit zum Erhalt der Livemusik-Kultur liegt uns sehr am Herzen.“

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