Aachen/Berlin - Christa Ludwig: Eine große Karriere voller Triumphe und Entbehrungen

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zur Webansicht Mo. 20.08.2018

Christa Ludwig: Eine große Karriere voller Triumphe und Entbehrungen

Von: Pedro Obiera
Letzte Aktualisierung:

Aachen/Berlin. Herbert von Karajan war einer ihrer wichtigsten und liebsten musikalischen Partner. Auch wenn er sich nach ihrer Erfahrung „bei Stimmen nicht ausgekannt hat“. Er habe sie nur geliebt. Christa Ludwig, die bedeutendste Sängerin der Nachkriegsjahre im dramatischen Mezzo-Fach, redet gern Klartext. Auch in ihrem 90. Lebensjahr, das sie am 16. März vollendet.

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Für ihre Karriere als Sängerin hat Christa Ludwig auf vieles verzichtet: auf einige Gesangsrollen, die der Stimme geschadet hätten, und auf ein „normales Familienleben“. Foto: dpa

So große Triumphe sie auch mit Karajan feiern durfte, als sie bereits als Weltstar von allen namhaften Dirigenten umworben wurde: Sie scheute sich nicht, ihm und allen seinen berühmten Kollegen, einschließlich Karl Böhm und Leonard Bernstein, die Rote Karte zu zeigen, wenn sie ihr Rollen aufdrängen wollten, die sie, wie etwa die Isolde, zwar leidenschaftlich gern gesungen hätte, aber strikt und mit gutem Grund ablehnte.

Mit Karajan verband sie freilich mehr als nur eine kollegiale Partnerschaft, nämlich vertraute Kindheitserinnerungen. Als sie sechs Jahre war, saß sie auf seinem Schoß. Sie erlebte ihn als „eher scheuen Menschen“, kann ihren Eltern aber bis heute nicht verzeihen, dass sie das Mädchen drängten, einen Knicks zu machen, wenn der junge Maestro erschien. Das war in Aachen, wo Vater Ludwig als Intendant das Theater leitete und ihre Mutter als Sopranistin tätig war.

Unter dem jungen Generalmusikdirektor sang die Mutter die Elektra von Richard Strauss, eine Mordspartie, mit der sie sich die Stimme ruinierte. Die Mutter kümmerte sich danach konsequent um die Ausbildung ihrer begabten Tochter und blieb deren einzige Gesangslehrerin. Aber die Gefahren, die einer Stimme durch falsche Rollen drohen, umging Christa Ludwig seit dieser frühen Erfahrung mit hypersensibler Konsequenz. Und zwar bis zum Ende ihrer ungewöhnlich langen Karriere.

Dass sie 48 Bühnenjahre erfolgreich durchstehen konnte und bei ihrem Abschied mit 67 Jahren noch Schuberts „Winterreise“ auf einer Welt-Tournee, an der Met die Fricka in der „Walküre“ und an der Wiener Staatsoper, der sie über 40 Jahre treu geblieben ist, die Klytämnestra in Richard Strauss’ „Elektra“ ohne nennenswerte stimmliche Verschleißerscheinungen singen konnte, ist ihrer peniblen Rollenpolitik zu verdanken. Auch wenn sie über ein riesiges Repertoire von der Barockoper bis zur Uraufführung von Gottfried von Einems Dürrenmatt-Oper „Der Besuch der alten Dame“ verfügte: Mancher Wunsch blieb unerfüllt.

Hoher Preis

Für die künstlerischen Triumphe zahlte sie einen hohen Preis. Die Bilanz klingt ernüchternd, wenn sie nach ihrer glänzenden Karriere feststellen musste, dass das „normale Familienleben“, das sie sich immer gewünscht hat, trotz zweier Ehen „an mir vorbeigegangen ist“. Dreitägiges Schweigen, allenfalls gelegentliches Flüstern vor jeder Aufführung, wenn sie überhaupt einmal zu Hause war, daran zerbrach ihre erste Ehe mit dem Sänger Walter Berry. Ein privates Desaster, das noch mit einer dramatischen Stimmkrise zusammenfiel. Erfüllt von der Angst, vor dem abrupten Ende der Karriere zu stehen. Sie wollte immer eine gute Mutter sein, doch ihr einziger Sohn hat öfter die Großmutter gesehen als die Mutter.

Entbehrungen bestimmten dabei nicht nur das Familienleben, sondern auch die Erfüllung musikalischer Träume. Ihre zunächst ausgeprägt dunkel timbrierte Altstimme hellte sich zunehmend auf, gewann mit jedem Jahr an Höhe, ihr balsamisches Mozart-Timbre öffnete sich damit dramatischen Partien bis hin zur Fricka („Die Walküre“) oder der Färberin („Die Frau ohne Schatten“).

Sie betörte mit der denkbar sinnlichsten „Carmen“-Stimme, auch wenn sie die Rolle sehr eigenwillig auf der Bühne verkörperte („weil ich nicht mit dem Hintern wackeln wollte“), sie sang die Leonore im „Fidelio“ unter Klemperer, sie stieß unter Karl Böhm in Bayreuth die verführerischsten Brangäne-Rufe im „Tristan“ aus und zelebrierte den „Abschied“ in Mahlers „Lied von der Erde“ unter Klemperer mit eherner Endzeitstimmung („auch wenn ich damals gar nicht verstanden habe, was ich da sang“).

Sie stand mit Maria Callas in Bellinis „Norma“ auf den Brettern der Mailänder Scala, wobei sie die Callas überhaupt nicht als Diva, sondern als „überaus nette, entzückende und fleißige Kollegin“ erlebte. Aber nicht jeder Wunsch ging in Erfüllung. Sie erlebte ihre Mutter am Aachener Theater als Elektra. Die Elektra gehörte neben der Isolde und Brünnhilde zeitlebens zu ihren Traumpartien. Und ausgerechnet den Traum vom Wechsel ins hochdramatische Fach versagte sie sich. Sie war eine grandiose Klytämnestra, aber auf der Bühne nie eine Elektra, sie sang die Brangäne, aber niemals die Isolde.

Nicht nur die traumatische Erinnerung an ihr Fiasko als Eboli im Salzburger „Don Carlos“ bewahrte sie vor dem Schritt zur Isolde und damit vor unkalkulierbaren Risiken. Stattdessen blieb sie ihrem Fach treu und widmete sich umso intensiver dem Klavierlied. Schon in vorgerückten Jahren avancierte sie zu einer der besten Liedinterpretinnen unserer Zeit. Man kann sagen, dass Christa Ludwig ihre konstante Karriere mindestens so vielen Partien zu verdanken hat, denen sie sich verweigerte, wie den Rollen, mit denen sie Triumphe feierte.

Stets „Seconda Donna“

Geboren am 16. März 1928 in Berlin, wuchs sie in Aachen im und mit dem Theater auf. Die Mutter, eine gebürtige Berlinerin, ist eigens zur Geburt von Aachen in ihre Heimatstadt gefahren, damit auch die kleine Christa als Berlinerin amtlich beglaubigt werden konnte. Doch in Aachen begann Christa Ludwig ihre Gesangsausbildung bei ihrer Mutter, bevor sie 1946 als Orlovsky („Die Fledermaus“) in Frankfurt debütierte, sich anschließend als eins der treuesten und beliebtesten Mitglieder der Wiener Staatsoper etablierte und von dort aus ihre Weltkarriere diszipliniert pflegte und hegte. Ganz ohne Allüren. Als Mezzo stets die „Seconda Donna“. Dabei „wäre ich so gern Primadonna gewesen“, wie sie in ihren Memoiren bekennt.

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