Ypern/Aachen - Mohnblumen gegen das Vergessen: Schüler besuchen Ypern

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zur Webansicht Mi. 15.08.2018

Mohnblumen gegen das Vergessen: Schüler besuchen Ypern

Von: Nadine Tocay
Letzte Aktualisierung:

Ypern/Aachen. Tränen kullern einigen Schülern die Wangen hinunter. Sie blicken ins Leere. Andere schauen betrübt zu Boden. Es ist still. Sonnenstrahlen wärmen das Gesicht, und doch stellen sich die Haare auf den Armen auf.

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Lehrer Kai Lehninger legt auf dem Friedhof Langemarck einen Blumenstrauß auf ein Grab. Foto: Tocay

Als Kai Lehninger, Lehrer des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Aachen, an einem Kriegsgrab auf dem Friedhof Langemarck in der belgischen Stadt Ypern einen Blumenstrauß niederlegt und anschließend ein Gedicht vorträgt, fühlt sich die Luft an als könne man sie schneiden. Das Atmen fällt schwer. Es ist die Geschichte des Mannes, der dort begraben liegt, die berührt. Und stellvertretend auch die der Hunderttausenden anderen Soldaten, die mit ihm in der ersten Ypernschlacht von Oktober bis November 1914 im Ersten Weltkrieg umkamen.

Die Geschichte von „Onkel Jakob“

„Onkel Jakob“ heißt dieser Mann. So nennt ihn seine Nichte, die ihm Briefe schreibt, als er an der Front für Deutschland kämpft. Am 5. Oktober 1914 schickt sie ihm Ohrenschützer, die er für den Winter in Russland gut gebrauchen kann. Doch er wird nicht nach Russland geschickt, stattdessen ist er in Ypern stationiert – an der Grenze zu Frankreich. Er antwortet seiner Familie, schreibt über das, was er an der Front erlebt. Den letzten Brief verfasst er am 21. Oktober – statt wie gewohnt mit Tinte und in Schönschrift mit Bleistift und unordentlich. Die Truppen rücken näher, heißt es darin. Onkel Jakob wird diesen Brief nicht mehr zu Ende schreiben. Denn Minuten oder wenige Stunden später ist er tot. Ein Kamerad beendet das Schreiben, schickt es an die Familie – die nun die traurige Gewissheit hat, dass der geliebte Onkel nicht mehr nach Hause zurückkehren wird. Es ist die Familie von Kai Lehningers Frau. Der Verstorbene ist ihr Urgroßvater.

Damit Schicksale wie seins nicht vergessen werden und auch, um Jugendlichen ins Bewusstsein zu rufen, dass der Frieden in Europa nicht selbstverständlich war und ist, hat das Gymnasium ein Begegnungs- und Versöhnungsprojekt für seine Schüler der European-Studies-Kurse des achten und neunten Jahrgangs organisiert.

Drei Tage lang erkunden rund 40 Jugendliche gemeinsam mit einer Gruppe englischer Schüler von der Partnerschule Gable Hall Museen, Kriegsfriedhöfe und Schauplätze des Krieges. Um sich auf den Trip vorzubereiten, übersetzen die Schüler im Vorfeld die auf Sütterlin verfassten Briefe. „Es geht nicht nur um die, die gefallen sind, es geht auch um die, die zurückgeblieben sind. Keine Frau sollte so lange ohne ihren Mann leben müssen“, sagt Kai Lehninger, als er am Grab steht. Und seine Worte berühren die Jugendlichen.

„Viele Menschen sind für den Krieg gestorben, ob sie Gutes oder Schlechtes getan haben, darüber kann man diskutieren. Aber es ist krass, dass die sich für ihr Land eingesetzt haben“, meint Mohanad Almahmoud. Für ihn sei es unverständlich, dass manche sogar freiwillig in den Krieg gezogen seien, sagt der Neuntklässler.

Nach dem Ausflug auf den deutschen Friedhof geht es für die Gruppe weiter zur Gedenkstätte der Briten. Sind die Gräber und der Friedhof der Deutschen minimalistisch gehalten, so schimmern der der Briten in weiß, die Gräber sind prunkvoll geformt und mit Blumen bepflanzt. Je nach Rang des Soldaten mehr oder weniger. „Das ist unfair“, sagt die 14-Jährige Afnaan Sarhan. „Die Menschen waren doch alle gleich viel wert.“ Also hätte auch jeder das gleiche Grab verdient.

Besonders berühren die Schüler die Vielzahl der Gräber der Verstorbenen, deren Namen man bis heute nicht kennt. An der Gedenkstätte Beaumont-Hamel, dem Memorial of the Missing in Somme in Frankreich sind die Namen der Soldaten, deren Leichnam man nie gefunden hat, aufgelistet. Name über Name reiht sich an den Wänden des riesigen Gebäudes aneinander, das umgeben ist von Gräbern Verstorbener, deren Namen man nicht kennt.

„Ich habe ein Grab gesehen, in dem lagen acht unbekannte Soldaten. Das war heftig. Ich meine, wenn ich sterben würde, würde ich wollen, dass mein Name auf dem Grabstein steht. Und wenn niemand weiß, wer man war, das ist schlimm“, sagt die Neuntklässlerin Afnaan Sarhan. Die deutschen Schüler legen gemeinsam mit den englischen einen Kranz aus Blumen am Altar des Ortes nieder – als Geste der Erinnerung und Symbol der Versöhnung der Nationen. Die Blumen, rot blühender Klatschmohn, stehen für das vergossene Blut der Gefallenen.

Um das Gesehene zu verarbeiten und sich noch intensiver mit dem Thema zu befassen, hatte die Lehrerin Ilma Sturms, stellvertretende Direktorin der Schule, Aufgaben für die Busfahrten zwischen den einzelnen Stationen vorbereitet. Wie sind die Friedhöfe aufgebaut? Wo liegen die Unterschiede in der Erinnerungskultur? Und was haben Wörter wie „Niemandsland“ und Redewendungen wie „Helm ab zum Gebet!“ mit dem Krieg zu tun?

Lochnagar-Krater

Auch ein weiterer Stopp in Frankreich beeindruckt die Jugendlichen sehr: der Lochnagar-Krater im französischen Département Somme. Britische Einheiten hatten unter Tage monatelang 19 Stollen unter den deutschen Linien gegraben und brachten sie am 1. Juli 1916 beinah gleichzeitig zur Explosion.

Es war der erste Tag der Schlacht an der Somme. Der Knall sei damals bis nach London zu hören gewesen, schilderte der Fremdenführer Alan Perridon. Zwei Tage habe es gedauert, bis sich der Staub wieder gelegt hatte. 1200 Meter hoch wurden Erde und Trümmer in die Luft gesprengt. Die Explosion hinterließ mehrere Krater. Der größte ist 21 Meter tief mit einem Durchmesser von 90 Metern.

Zurück in der Jugendherberge tauschen die Schüler am nächsten Morgen untereinander Geschenke aus. Die deutschen hatten Buttons entworfen mit dem Motto der Reise „Forget never – Sacrifice and Legacy“, was so viel bedeutet wie „Vergiss niemals – Opfer und Erbe“. Die englischen hatten ein Päckchen mit Stiften, einem Block und Armbändern gepackt. Spätestens danach ist das Eis zwischen den zwei Gruppen gebrochen. Abends und zum Essen treffen sie sich, um sich näher kennenzulernen.

Später besuchen die Schüler noch ein Museum in Passendale in Zonnebeke. Auch dieser Ort war im Krieg umkämpft. Er wurde völlig verwüstet, nur ein See blieb von ihm übrig. Es dauerte Jahre, ihn wieder aufzubauen.

Das Kriegshandwerk steht bei diesem Ausflug im Fokus. In nachgebauten Schützengräben können die Schüler nachempfinden, wie sich die Soldaten gefühlt haben mussten. Sie diskutieren über die unterschiedlichen Bauweisen der Nationen und mögliche Gründe dafür. Und sie sehen sich unterschiedliche Uniformen an: die feldgrauen der Deutschen, die khakifarbenen der Briten und die himmelblauen der Franzosen.

Ein paar Stunden am Meer

Am letzten Tag der Reise gibt es schließlich noch eine Überraschung: Sturms hatte einen Ausflug ans Meer geplant. In De Panne lassen die Jugendlichen die Tage Revue passieren, bevor es wieder zurück nach Hause geht. „Wir haben schon mit den Engländern darüber gesprochen, dass wir im nächsten Jahr wieder so ein Projekt gemeinsam angehen“, sagt Lehninger abschließend. Damit die schrecklichen Ereignisse des Krieges nicht in Vergessenheit geraten.