Aachen - „Etwas bleibt immer hängen“: Lügengeschichte mit Folgen

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zur Webansicht Sa. 21.07.2018

„Etwas bleibt immer hängen“: Lügengeschichte mit Folgen

Von: Margot Gasper
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Da sage noch mal jemand, Latein sei eine tote Sprache: Mit der quicklebendigen – und wahren – Geschichte über eine falsche Anschuldigung und deren schlimme Konsequenzen hat die Klasse 8d des Bischöflichen Pius-Gymnasiums in Aachen einen bemerkenswerten Erfolg errungen.

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Die angeblichen Opfer, der vermeintliche Täter, die Ermittler: In einem Film in lateinischer Sprache erzählt die Klasse 8d des Pius-Gymnasiums die Geschichte einer Verleumdung. Beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen erreichten sie damit den ersten Platz. Foto: Ralf Roeger

Im Bundeswettbewerb Fremdsprachen erreichten die jungen Leute in der Kategorie Latein den ersten Platz im NRW-Entscheid. Nach dem hervorragenden zweiten Platz im vergangenen Jahr haben sie sich damit noch einmal gesteigert. Am 4. Juni fahren sie alle miteinander zur Siegerehrung nach Köln.

In vielen Wochen Arbeit hatten die Schülerinnen und Schüler für den Wettbewerb einen zwölfminütigen Kriminalfilm in lateinischer Sprache gedreht: „Evenit in vico parvo. Aliquid semper haeret“. Zu Deutsch: „Es geschah in einem kleinen Dorf. Etwas bleibt immer hängen.“

Angriff auf dem Spülplatz

Die Ereignisse, die im Film erzählt werden, haben sich vor ziemlich genau einem Jahr tatsächlich zugetragen, im Örtchen Klein Fullen, einem Stadtteil von Meppen im Emsland. Zwei Mädchen, acht und elf Jahre, erzählen ihren Eltern von einem tätlichen Angriff auf dem Spielplatz. Ein Mann habe eines der Kinder gepackt und über den Zaun in einen Bach geworfen. Das andere Kind habe er in den Bauch geboxt.

Dem ersten Anschein nach also eine schlimme Geschichte. Die Mädchen liefern eine genaue Beschreibung des vermeintlichen Täters. Und ein Mann gerät ins Visier der Ermittler – und ins Gerede. Erst später stellt sich heraus, dass die ganze Gesichte frei erfunden ist. Für die Kinder hat das keine juristischen Konsequenzen. Sie sind ja noch nicht strafmündig. Das Opfer aber leidet – und leidet weiter, auch wenn irgendwann klar ist, was wirklich geschehen ist. Denn: „Aliquid semper haeret. Etwas bleibt immer hängen.“

Auf einer zweiten Erzählebene im Film diskutieren vier Experten über den Fall in Klein Fullen: der römische Politiker, Anwalt und Schriftsteller Cicero (gespielt von Gabriel Husson), der römische Rechtsgelehrte Ulpian (Luca Sie­berg), ein Priester (Christoph Franck) und eine Kommissarin (Charlotte Kopp), die den Fall mit seinen verzwickten Wendungen vorstellt. 32 römische Rechtsregeln, erzählt Lateinlehrer Hermann Krüssel, seien in die Handlung eingearbeitet worden.

Wenn die Schülerinnen und Schüler von der Entstehung ihres Projekts berichten, wird klar, wie viel Arbeit sie in den Film gesteckt haben. Das Drehbuch haben sie zunächst auf Deutsch verfasst und dann gemeinsam mit Hermann Krüssel ins Lateinische übersetzt. Das war keine leichte Aufgabe, auch wenn die Klasse bereits im dritten Jahr Latein lernt.

Gedreht haben sie an vielen Orten: am Waldstadion, auf dem Lousberg, bei einigen der Schüler zu Hause. Die Vernehmung des Verdächtigen filmten sie im Keller des Pius-Gymnasiums. Und als an einem kalten Oktobertag der angebliche Überfall gedreht wurde, da landete Pauline Fritz, die das vermeintliche Opfer spielte, tatsächlich im eisigen Wasser eines Aachener Teichs. In weiteren Hauptrollen: Max Schuh (Verdächtigter), Tom Klinkenberg (Junge), Charlotte Kahmen (LKA-Beamtin), Florian Neuss, Florian Fenneker und Annabelle Wettmann (Polizisten).

Das Thema ihres Films, dass da einer unschuldig verdächtigt wird, das beschäftigt die jungen Darsteller noch heute. „Das trifft einen schon“, sagt einer, und die anderen nicken. Zumal das Opfer der Verleumdung da oben im Emsland nicht irgendjemand war. Es war der Bruder ihres Lateinlehrers. Von Hermann Krüssel wissen die Jugendlichen auch aus erster Hand, wie sehr der unschuldig Verdächtigte gelitten hat.

„Dignitas hominis tangenda non est“, steht an der Tafel, als die Klasse 8d sich fürs „Nachrichten“-Foto aufstellt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So steht es in Artikel 1 des Grundgesetzes. In ihrem Film haben die Jugendlichen in zwölf Minuten kurz und knapp gezeigt, wie mühsam es manchmal ist, diese Würde zu wahren. Oder sie wieder herzustellen. Wenn sie am 4. Juni zur Preisverleihung fahren, werden sie in Köln auch das Opfer des erfundenen Überfalls treffen. Sein Bruder freue sich darauf, die Macher des Films kennenzulernen, sagt Hermann Krüssel.