Kommentiert: Im Schützengraben

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Kommentiert: Im Schützengraben

Ein Kommentar von Joachim Zinsen

Ach, was ist es schön, ein klares Feindbild zu haben. Wladimir, dem Schrecklichen, sei Dank. Endlich können wir Medien die Welt wieder in Gut und Böse aufteilen.

 Hier die aggressiven Politiker im Kreml, eine Gefahr für jedes friedliebende Volk in Russlands Nachbarschaft. Dort die Aufrechten in Washington, Brüssel und Berlin, deren Ukraine-Politik sich alleine an hehren Prinzipien wie Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung orientiert. Alles ist ja so einfach, alles passt so herrlich in Schubladen.

Eine der Schubladen ist für Helden reserviert. Natürlich gehört da die ukrainische Präsidentschaftskandidatin und Oli–garchin Julia Timoschenko hinein. Wen interessiert es schon, wie die Dame an ihr milliardenschweres Vermögen gekommen ist. Natürlich befindet sich dort der von deutschen Leitmedien über Wochen zum politischen Superstar hochgeschriebene Vitali Klitschko – auch wenn er inzwischen längst in der Versenkung verschwunden ist.

Und natürlich stecken in der Helden-Schublade die Demonstranten vom Maidan. Als sie in Kiew Regierungsgebäude besetzten, bejubelten wir sie als Freiheitskämpfer. Unter ihnen waren zwar Ultranationalisten. Aber das hat bei uns offenbar niemanden groß gestört. Dass einige dieser dunklen Gestalten inzwischen Minister geworden sind, dass der neue ukrainische Generalstaatsanwalt aus diesem Milieu stammt, dass Teile der rechten Sturmtruppen weiterhin unter Waffen stehen, scheint ebenfalls egal zu sein. Denn Kiew gehört inzwischen zur Achse der Guten.

Medien brauchen natürlich auch Bösewichte. Bösewichte sind die Demonstranten in der Ostukraine, weil sie in Donezk und anderen Orten Regierungsgebäude besetzt halten. Bei ihnen handelt es sich – das sagen die neuen Herren in Kiew und wir erzählen es fleißig nach – um einen von Wladimir Putin ferngesteuerten Separatisten-Mob, der für den Anschluss an Russland kämpft. Ob das wirklich stimmt oder ob der überwiegende Teil der Ost-Ukrainer lediglich eine größere Autonomie anstrebt, wird kaum hinterfragt. Wer von Putin unterstützt wird, kann einfach nicht im Recht sein. Schließlich ist der russische Bär alleinverantwortlich für die Eskalation der Krise.

Putin verstehen?

Diese Rollenverteilung lassen wir uns nicht kaputt machen. Wenn die Alt-Kanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl dem Westen schwere Fehler in der Ukraine-Politik vorhalten und Sanktionen gegen Russland als Quatsch bezeichnen, werden sie von Elder Statesmen zu senilen Halbtrotteln herunter geschrieben. Wenn Gerhard Schröder einen faireren Umgang mit Putin anmahnt, kann das nur Ausdruck alter Kumpanei sein. Nein, jeder muss an der richtigen Stelle klatschen. Wer das nicht tut, ist entweder ein pubertierender Anti-Amerikaner oder ein notorischer Putin-Versteher.

Putin verstehen? Wo kämen wir hin, wenn Medien die Frage stellen würden, ob sich Moskau durch ein Vorrücken des Westens in die Ukraine nicht tatsächlich eingekreist, ja bedroht fühlt? Wo kämen wir hin, wenn darüber diskutiert würde, ob die Angliederung der Krim an Russland wirklich ein Verstoß gegen das Völkerrecht war? Wo kämen wir hin, wenn die Erkenntnis reifen würde, dass nicht allein Putin geostrategisch denkt und in der Ukraine seine eigenen Interessen durchsetzen will, sondern auch der Westen?

Wir würden endlich wieder aus den geistigen Schützengräben steigen. Wir kämen vielleicht einem Interessenausgleich der Konfliktparteien näher. Aber wir würden auch unsere schönen, einfachen Feindbilder verlieren. Nur: Wollen wir das?

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