Null Emotion: Dalia Grybauskaites spröder Auftritt

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Null Emotion: Dalia Grybauskaites spröder Auftritt

Ein Kommentar von Marco Rose

Europa im Jahr fünf der Krise: Dem Karlspreis gehen die großen Europäer aus, die Visionäre, die man in Aachen so gerne feiert. Mit Dalia Grybaus­kaite hat eine Technokratin ersten Ranges den renommierten Preis erhalten – eine Wirtschaftswissenschaftlerin, die als ebenso knallharte wie erfolgreiche Saniererin gilt, aber bislang nicht gerade als europäische Vordenkerin bekannt ist.

Schon vor der Verleihung war die Skepsis groß: Würde die litauische Präsidentin neue Begeisterung für Europa wecken? Würde sie den jungen Leuten draußen vor dem Rathaus erklären, warum es sich lohnt, heute noch und wieder für Europa zu kämpfen? Um es kurz zu machen: Nein, all das gelang der Preisträgerin nicht annähernd. Ihr spröder Auftritt war kaum dazu geeignet, Begeisterung für irgendetwas zu wecken.

Seltsam muteten schon im Vorfeld die Verrenkungen des Karlspreisdirektoriums an, das Grybauskaite in erster Linie für ihre integrative Rolle im Ostseeraum würdigte. Mag sein, dass der europäische Blickwinkel gerade im Westen allzu verengt ist. Dass wir die Nöte und auch Erfolge der kleinen baltischen Staaten in Deutschland kaum noch wahrnehmen. Den Blick gen Osten zu lenken, ist deshalb grundsätzlich keine schlechte Idee.

Wäre da nicht Grybauskaites Ruf als strenge Haushalts-Zuchtmeisterin und der von linker Seite flott geäußerte Verdacht, der Karlspreis zeichne Grybaus­kaite vor allem als knallharte Sparkommissarin aus.

Zerstreuen konnte die litauische Präsidentin diesen Verdacht in Aachen nicht. Im Gegenteil. Ihre fast monothematische Rede, die nur einmal von schwachem Applaus unterbrochen wurde, richtete sich kaum an das Aachener Publikum. Die Adressaten saßen eher in Athen, Rom, Madrid oder auch Paris: Macht Eure Hausaufgaben! Übernehmt Verantwortung! Spart endlich! So lautete die forsch vorgetragene Botschaft. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Karlspreisträger des Vorjahres, dürfte die Rede auf dem Podium mit großer Genugtuung verfolgt haben.

Schulz rettet den Festakt

Dass die litauische Erfolgsgeschichte auch eine Schattenseite zeigt, deutete Grybauskaite allenfalls an. Dennoch wurde die Preisträgerin nicht müde, ihren Weg als das Maß der Dinge zu preisen.

Es war Martin Schulz vorbehalten, näher auf die „ungeheuer harten Opfer der Bevölkerung“ einzugehen. Er teile nicht alle politischen Ideen der Karlspreisträgerin, „gerade was die einseitige Haushaltskürzungspolitik betrifft“, sagte der Präsident des Europaparlaments. Er dagegen forderte Investitionen für mehr Wachstum und langfristig den Schritt hin zu einer gemeinsamen europäischen Wirtschaftsregierung.

Damit übernahm der Würselener in diesem Jahr nicht nur den Part Visionen, er hielt auch die emotionalere und ausgewogenere Rede. Ein Satz wird besonders in Erinnerung bleiben: „Es ist eine Schande, dass in unserer Mitte eine verlorene Generation aufzuwachsen droht.“ Es könnte eine Bewerbung für den kommenden Karlspreis gewesen sein.

m.rose@zeitungsverlag-aachen.de

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