Kommentiert: Zu früh zum Feiern

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Kommentiert: Zu früh zum Feiern

Ein Kommentar von Tom Vogel

In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Immunschwächekrankheit Aids längst verblasst – das beklagt Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer zum Welt-Aids-Tag.

Dass HIV und Aids zum 1. Dezember traditionell eher in den Köpfen der Menschen sind als an jedem anderen Tag des Jahres – geschenkt. Die Krankheit taucht dann schließlich im Fernsehen auf, im Radio und in der Zeitung und jeder darf sich daran erinnern: „Stimmt ... das gab es ja auch noch.“

Und ist es nicht auch nachvollziehbar? Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland stagniert seit einem Jahrzehnt, liegt jedes Jahr um die 3000er Marke herum. Keine schockierenden Schlagzeilen mehr über Stars, die der Welt von Aids genommen wurden. Keith Haring ist schon lange her – ‘90 gestorben. Die meisten werden gleich an den Tod von Freddy Mercury denken. Das war 1991.

Die Zeiten, in denen sich Szenarien à la „Diese Epidemie wird die Menschen vom Antlitz der Erde tilgen“ zeichnen ließen – längst passé. Dafür haben erstaunliche Entwicklungen im Zusammenhang mit HIV gesorgt, die im Zweifel schon seit Jahren in der Welt sind, in weiten Teilen der Bevölkerung aber bis heute unbeachtet blieben.

Zum Beispiel: Infizierte müssen beim Zahnarzt etwa nicht zwingend angeben, dass sie infiziert sind. Das ist kein Skandal, sondern geht absolut in Ordnung, weil sie bei entsprechender Therapie quasi niemanden mehr anstecken können. Ja, selbst wenn sie bluten. Die Medikamente drängen den Virus zurück, bis er kaum noch nachweisbar ist.

Die Prä-Expositionsprophylaxe gehört auch dazu – in Pillenform verhindert sie eine Ansteckung so zuverlässig wie ein Kondom, selbst bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit einem oder einer Infizierten. Klar ist es zu früh, den Sieg über die Krankheit zu feiern, denn auch wenn das gute Neuigkeiten sind gilt es, nicht zu aufgeregt zu werden. Das Medikament ist nicht die Munition, mit der die lange uneinnehmbar scheinende Bastion Aids endlich sturmreif geschossen werden könnte.

Immer noch infizieren sich jedes Jahr weltweit um die zwei Millionen Menschen, sterben um die eine Million. Aber die Wissenschaft ist einen großen Schritt weiter, den Nimbus der Unantastbarkeit zu zerlegen. Dass die Immunschwächekrankheit in der öffentlichen Wahrnehmung verblasst – man könnte es fast für einen Verdienst halten.

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