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Kommentiert: Zombie-Reaktor

Ein Kommentar von Renè Benden

Als Wolfgang Marquardt vor einigen Monaten als neuer Chef des Forschungszen­trums Jülich seinen Dienst antrat, hat er mit Blick auf die radioaktiven Hinterlassenschaften etwas sehr Kluges gesagt.

Die Akzeptanz für die Entsorgung radioaktiver Altlasten wachse, wenn man den Menschen glaubhaft erklären könne, dass dieser Prozess ein Teil der gewollten Energiewende sei. Grundvoraussetzung dafür, seien Transparenz und Kommunikation.

Nun ist es so, dass einige Akteure auf dem Gelände des Forschungszentrums dem Chef nicht gut zugehört haben. Denn unter Ausschluss der Öffentlichkeit ist der Transport des Reaktors in sein Zwischenlager, wenige hundert Meter vom alten Standort entfernt, eingeleitet worden. Das ist der vielleicht riskanteste Abschnitt im gesamten Rückbau. Am Mittwoch dürfen dann einige handverlesene Journalisten auf die Baustelle. Fotografieren? Filmen? Ist verboten. Warum?

Die Vorgänge im Jülicher Forschungszentrum sind, freundlich ausgedrückt, befremdlich. Sie sind eine völlige Abkehr von dem, was noch vor wenigen Monaten versprochen wurde: mehr Offenheit und stärkerer Wille zur Selbstkontrolle. Das sollten die Lehren aus einem Expertenbericht sein, der Anfang dieses Jahres den Betreibern des Hochtemperaturreaktors in vielen Fällen Fahrlässigkeit und Vertuschung nachwies. Von diesen Lehren ist nichts mehr übrig geblieben.

Ein kleines Beispiel: Die Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor (AVR) hatte bislang immer betont, dass der Reaktor zwischengelagert werde, bis seine Strahlung so weit reduziert ist, dass man ihn zerlegen kann. Bis dahin passiere nichts am und im Reaktor.

Dass sich derzeit in dem Reaktor radioaktives Gas bildet, darüber sprach man kein Wort. Dass dieses Gas abgepumpt werden muss, verschwieg man lieber. Dass dieses Gas an das Forschungszentrum zur Entsorgung gegeben wird, räumte man erst ein, als man darauf angesprochen wurde. Mag sein, dass die Radioaktivität dieses Gases gering ist. Wissen kann die Öffentlichkeit das aber nicht. Es will ja niemand darüber reden.

Die andauernde Heimlichtuerei in Jülich hat aus ambitionierter Forschung eine Art Zombie-Reaktor erwachsen lassen. Ein Untoter, der schon oft beerdigt wurde – und trotzdem immer wieder aufersteht und Schrecken verbreitet. Das Bedrohliche wird dieser Reaktor erst verlieren, wenn die Öffentlichkeit ohne Aufforderung über die Risiken in Kenntnis gesetzt wird. Leider hat das im Forschungszentrum immer noch niemand verstanden.

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