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Kommentiert: Würde und Alltag

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Wer lange Jahre Erzbischof in Buenos Aires war, braucht sicherlich wenig rhetorische Nachhilfe.

Dieser Papst redet nicht in intellektuell hoch anspruchsvollen theologischen Idiomen und schwelgt nicht in philosophischen Formulierungen. Er sagt, was er denkt. Er sagt, was er anprangert. Er sagt, was er verlangt.

Seine Rede im Europäischen Parlament war ein typisches Beispiel seiner Art, Dinge auf den Punkt zu bringen, Verantwortlichkeiten aufzuzeigen und Alternativen zu nennen. Man mag ihm dabei vorwerfen, dass so leicht und so schnell, wie er seine Forderungen auf den Tisch des Parlaments legt, die Dinge nicht zu ändern sind. Aber macht er es sich wirklich zu einfach, nur weil er Wahrheiten konkret ausspricht? Wenn diejenigen, die am Dienstag so lange und so laut Beifall klatschten, sich in Zukunft nur an einen kleinen Teil aus der Papst-Rede bei der konkreten Gesetzgebung erinnern werden, sind wir schon einen großen Schritt weiter. Im Einzelnen:

Die Würde des Menschen. Für den Papst ist Würde ein Schlüsselwort. Es zieht sich durch die gesamte Rede und berührt so viele Facetten menschlichen Alltags. So viele Situationen, in denen wir etwas bewirken können – als Politiker, als Journalisten, als Lehrer, als Eltern, als Ärzte, als Arbeitgeber. Was kennzeichnet europäisches Denken? Wofür steht dieser Kontinent Europa? Welche Werte praktizieren wir jeden Tag, und welche erwähnen wir nur bei Festtags- und Sonntagsreden? Welche Individualität fördern wir? Wie gehen wir mit der „Person“ um, wenn sie Arbeitnehmer, Schüler, Migrant, Arbeitsloser ist?

Die individuellen Rechte. Der Papst reklamiert eine „Kultur der Menschenrechte“. Gelingt es uns, die persönliche Dimension des Individuums mit der des Gemeinwohls zu verbinden? Wie gehen wir mit den Zukunftschancen der Jugendlichen um, wie mit der Einsamkeit mancher Alten? Also: Konzentrieren wir uns nur auf die Rechte des Einzelnen, oder sehen wir den sozialen Zusammenhang unserer Gesellschaften? Frönen wir dem Egoismus, oder sind wir soziale Wesen? Besteht „individuelles Recht“ aus rücksichtslosem Anspruch auf Konsum, auf Wegwerf-Gesellschaft, auf nicht mehr zu rechtfertigenden und maßlosen Überfluss, oder erkennen wir noch die Bezugspunkte zu Solidarität, Hilfe und Rücksicht?

Die Ungerechtigkeit der Welt. Das Leid religiöser Minderheiten, Gewalt, Vertreibung, Tod. Das sind die großen Themen unserer Zeit. Der Hunger von Millionen, während wir Millionen Tonnen Lebensmittel wegwerfen. Was kann, was muss Europa tun? Welche Rolle spielt dabei das direkt gewählte Parlament? Was nimmt es sich nun vor – nach dieser aufrüttelnden Rede des Papstes? Oder geht es zur Tagesordnung über? Schön, dass er mal hier war? Das wäre zu wenig.

Die Verantwortung der Politik. Der Papst hat diese Frage in seiner Rede beantwortet. „Ihnen, meine Damen und Herren Europaabgeordnete, ist auch die Verantwortung übertragen, die Demokratie der Völker Europas lebendig zu halten.“ Und konkret: „Die Demokratie in Europa lebendig zu halten, erfordert, viele ,Globalisierungsarten‘ zu vermeiden, die die Wirklichkeit verwässern.“

Die Wirklichkeit verwässern: Wie und wann und wo sind wir – jeder von uns – daran irgendwie beteiligt? Und was tun wir, um das zu ändern? Ab morgen, ab heute? Welche Antwort geben wir dem Papst durch unser Handeln, welche die Abgeordneten durch ihres?

Zu viele Fragen? Es lohnt sich, Antworten zu finden – jeder nach seinem Können und seinen Möglichkeiten.

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