Kommentiert: Skandalös ist anders

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Kommentiert: Skandalös ist anders

Ein Kommentar von Georg Müller-Sieczkarek

Erstaunlich, wie sorglos zuweilen mit Worten umgegangen wird. Wer von „Menschenversuchen“ daherredet und eine Testreihe mit Freiwilligen an der Aachener Uniklinik meint, muss sich schon fragen lassen, ob er eigentlich weiß, was er da sagt oder schreibt.

Menschenversuche gab es in den dunkelsten deutschen Jahren, in Mauthausen, in Dachau, in Auschwitz – aber gewiss nicht 2013 und nicht in Aachen. Fakt, Stand Montag, ist: Es ging, lange vor Bekanntwerden der Diesel-Manipulationen, um die Schadstoffbelastung am Arbeitsplatz, nicht im Straßenverkehr. Dass die – übrigens ziemlich aussageschwache – Studie von einem obskuren Lobby-Klübchen der Autoindustrie mitgesponsert wurde, hat ein Geschmäckle. Das war‘s aber auch. Punkt. 

Völlig anders verhält es sich mit den widerwärtigen, tierquälerischen Affenexperimenten. Da sind nicht nur ethische Grundsätze mit Füßen getreten worden. Da sollte groteskerweise der Beweis geführt werden: Seht her, ist doch alles völlig harmlos – anstatt sich Gedanken zu machen, wie man den Diesel endlich sauber bekommt. Geht es eigentlich noch zynischer? Bemerkenswert, wie tief die einstige Vorzeigebranche gesunken ist. Wer, wie viele Autobosse, aus purer Profitgier seine Kunden systematisch hinter die Fichte führt, der hat ganz viel Kredit verspielt – und darf sich nicht wundern, wenn ihm inzwischen so ziemlich alles zugetraut wird.

Aber auch die eilige Empörung mancher Politiker ist ziemlich verlogen. War es nicht die ganz große Koalition der Autofreunde aus (fast) allen Lagern, die die PS-Branche jahrzehntelang gehätschelt und geschützt hat?

Wer auch immer Forderungen stellte, ob es um Partikelfilter ging oder sparsamere Motoren oder ein generelles Tempolimit, musste sich anhören, er gefährde Hunderttausende Jobs. Nur so konnte ein Klima entstehen, das manchen Manager und Ingenieur glauben machte, Gesetze gelten höchstens für die Konkurrenz. 

Auch im Jahr drei nach dem Diesel-Skandal bleibt die Politik eine überzeugende Antwort schuldig. Und so findet der eigentliche Abgasfeldversuch in unseren verpesteten Innenstädten statt – tagtäglich, mit Hunderttausenden (unfreiwilligen) Probanden.  Das ist der eigentliche Skandal.

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