Geldscheine freisteller
8551573.jpg

Kommentiert: Perfide Biedermänner

Ein Kommentar von Gerald Eimer

Nichts ist der Polizei mehr zu wünschen als schnelle Fahndungserfolge – und dies erst recht, seitdem die Meldungen über nächtliche Raubüberfälle einfach nicht abreißen wollen.

Angst sollen, bitteschön, die brutalen Gangster haben, nicht aber Partygänger oder Nachtschwärmer, die in der besonders betroffenen Grenzstadt Aachen jüngst sogar per behördlichem Aushang gewarnt wurden, alleine durch die Straßen zu ziehen. Da ist es gut, dass die Polizei nun erste Festnahmen und Ermittlungsergebnisse vermelden kann. Dass die Spuren auch in die Flüchtlingsheime dieser Stadt führen, hat sich früh abgezeichnet und bringt uns zum heiklen Teil dieser Geschichte.

Denn während der Polizeipräsident noch davor warnt, nun eine ganze Gruppe junger Menschen unter Generalverdacht zu stellen, haben genau dies die Rechtsausleger dieser Republik längst getan. Auffallend, dass sich die AfD in dieser Ecke durchaus zu Hause fühlt, wie deren Aachener Ratsvertreter dieser Tage in einer besonders perfiden Pressemitteilung deutlich machten. „Dass die Zunahme an brutalen Raubüberfällen zeitgleich mit der Aufnahme von immer mehr Asylbewerbern zusammenfällt, nährt Spekulationen“, heißt es darin scheinbar arglos. Daher wolle man Klarheit schaffen und mal nachfragen, wie viele dieser jungen Flüchtlinge denn schon polizeilich auffällig geworden sind.

So verpackt der Biedermann seine Angst vor den Fremden, so kaschiert er seinen latenten Rassismus. Denn natürlich wollte die AfD nicht nachfragen, sondern behaupten. Mehr Flüchtlinge = mehr Kriminalität, heißt die schlichte Gleichung, mit der sie zuletzt im Osten erfolgreich war und mit der sie nun offenbar auch im äußersten Westen punkten will.

Die Antworten hätte die AfD jedenfalls leicht finden können, wenn sie denn wirklich daran interessiert wäre. Denn alle vorliegenden Statistiken – auch die jüngste aus Aachen – zeigen, dass gerade diese jungen Flüchtlinge im Vergleich mit anderen gleichaltrigen Gruppen besonders unauffällig sind. Dass gerade auch Zuwanderer der ersten oder zweiten Generation weit weniger kriminell sind als andere, erklären Soziologen unter anderem damit, dass für diese Menschen besonders viel auf dem Spiel steht – bis hin zur Abschiebung. Flüchtlinge aber suchen in aller Regel Schutz. Sie verlassen ihre Heimat nicht aus Jux und Tollerei und schon gar nicht aus Lust am Rauben. Sie flüchten aus purer Not und aus Angst vor Krieg und Mord.

Ja, es gibt auch unter Flüchtlingen Kriminelle – genauso wie unter anderen Migranten, Aussiedlern oder auch Deutschen. Höhere Gewaltbereitschaft und größere kriminelle Energie ist eben nicht mit der ethnischen Herkunft der Täter zu erklären. Die soziale Situation, Gewalterfahrungen, der Bildungsstand, Sprachdefizite, Drogenabhängigkeit, gefühlte Ausweglosigkeit sind gewichtigere Faktoren. Wer dagegen wirklich etwas tun will, darf eines nicht tun: ausgrenzen. Stimmungsmache auf Kosten von Randgruppen führt jedoch genau dazu.

Leserkommentare

Leserkommentare (5)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.