Kommentiert: Nomophobie und der Kampf um Steckdosen

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Kommentiert: Nomophobie und der Kampf um Steckdosen

Ein Kommentar von Katharina Menne

Noch 30, 20, 15, 2 Prozent – aaaahhhh! Das kleine Akkusymbol auf dem Smartphone blinkt rot. Es bleiben nur noch wenige Minuten. Angstschweiß bricht aus. Der Puls fängt an zu rasen. Verdammt, wo ist bloß die nächste Steckdose?

Wenn der Akkubalken immer schmaler wird und die Warnung „Nur noch 2 Prozent“ auf dem Display erscheint, wird so mancher eigentlich ruhige Zeitgenosse plötzlich panisch.

Dieses Horrorszenario mag vielen überzeichnet vorkommen, doch solche Reaktionen gibt es tatsächlich. Die Angst davor, dass das Smartphone ausgehen könnte, hat mittlerweile sogar einen Namen: Nomophobie, kurz für „No-Mobile-Phone-Phobia“. Die Symptome sind Nervosität, Beklemmung, Herzrasen und das Verlangen danach, das Smartphone sofort zu benutzen.

Früher, als Handys noch reine Kommunikationsinstrumente waren, hielten ihre Akkus locker drei bis vier Tage durch. Sie hatten ein kleines Display und ein schlichtes Tastenfeld. Heute sind Mobiltelefone gleichzeitig Fotoapparat, Taschenlampe, Zeitung, Fahrplan, Reiseführer, Navigationsgerät, Taschenrechner und vieles mehr. Und obwohl die eingebauten Akkus immer leistungsfähiger werden, schaffen sie bei einem solchen Arbeitspensum oft nicht mehr als acht Stunden am Stück.

Doch die Angst vor dem leeren Akku beschränkt sich nicht nur auf das Smartphone. Wer gerade auf dem E-Book-Reader mitten in einem spannenden Kriminalroman steckt, wird sich ebenso wenig über das blinkende Akkusymbol freuen, wie der E-Autofahrer, dem der Saft ausgeht, kurz bevor er seine Garage erreicht.

Die gute, alte Steckdose bekommt so eine ganz neue Bedeutung. Stromlosigkeit oder die Angst davor können sogar ungeahnte Kräfte freisetzen. So endete der Streit um die Benutzung einer Steckdose in Berlin im März 2016 in einer Massenschlägerei mit Verletzten.

Dabei könnte ein rot blinkendes Akkusymbol auch einfach Vorfreude auslösen: auf einen ruhigen Abend, ungestörte Zeit mit Freunden oder die Chance, in einer fremden Stadt mal wieder nach dem Weg fragen zu müssen.

 

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