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Kommentiert: Nicht der Armutsbegriff, sondern Armut ist das Problem

Ein Kommentar von Jutta Geese

Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, lautet ein alter Schnack unter Studenten. Und da ist was dran.

Statistiken werden in der Regel zwar nicht bewusst gefälscht. Aber bei jedem Zahlenwerk muss man genau hinschauen, worauf es sich bezieht und welche Definition des statistisch zu belegenden Sachverhalts zugrunde gelegt wird.

Ein klassisches Beispiel dafür ist das Thema Armut: Die einen sagen, arm ist, wer netto weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Andere sprechen dann erst von „Armutsgefährdung“. Wieder andere legen lieber die Kaufkraft als das Einkommen zugrunde, wenn sie Armutsquoten berechnen. Und die nächsten sagen: Ja, aber dann muss ich auch das Geld- und Sachvermögen, etwa ein selbst bewohntes und bezahltes Häuschen, berücksichtigen.

Über so etwas kann man herrlich streiten – und tut dies auch, statt darüber zu streiten, was Armut mit den betroffenen Menschen und mit unserer Gesellschaft macht. Und betroffen sind in Deutschland viele Millionen Menschen, junge und alte, Frauen und Männer, mit und ohne Migrationshintergrund, kranke und gesunde. Dabei spielt überhaupt keine Rolle, welche Definition man für die richtige hält. Es sind Millionen! Ob es insgesamt sechs, acht, zehn oder 12,9 Millionen sind, spielt nur für Statistiker eine Rolle.

Dem Einzelnen, der sich ausgegrenzt, ausgeschlossen, abgedrängt und nicht wahrgenommen fühlt, der keine Perspektive für sich selbst und seine Kinder oder für den Nachbarn sieht, darf es egal sein, wie viele sein Schicksal teilen. Uns jedoch nicht. Um jedes Einzelnen willen, aber auch um der Gesellschaft willen dürfen wir es nicht hinnehmen, dass Armut in unserem reichen Land immer weiter zunimmt – ebenso übrigens wie Reichtum – und mittlerweile sogar „vererbt“ wird, sich über Generationen verfestigt.

Wir dürfen es nicht länger hinnehmen, dass Bildungschancen immer noch vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Wir dürfen es nicht länger hinnehmen, dass Arbeitslosigkeit statt Arbeit finanziert wird, sprich: dass aus Rücksicht auf „den Markt“, der es ja richtet, immer noch kein dauerhaft öffentlich geförderter Arbeitsmarkt installiert ist mit Jobs für diejenigen, die aus welchen Gründen auch immer keinen Job in der Privatwirtschaft finden.

Perspektive bieten

Natürlich gibt es unter Arbeitslosen und Armen Menschen, die sich eingerichtet haben, die keinen Job wollen oder die sich nicht arm fühlen, obwohl sie es, statistisch betrachtet, sind. Die große Mehrheit aber will ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, will raus aus den Sozialsystemen. Wenn wir diesen Menschen nicht allmählich überzeugend eine Perspektive bieten, werden sich immer mehr enttäuscht von der Gesellschaft abwenden. Das kann nicht in unserem Interesse sein.

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