Kommentiert: Integration, jetzt!

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Kommentiert: Integration, jetzt!

Ein Kommentar von Joachim Zinsen

Vieles ist bereits gesagt: Natürlich gilt es, mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zu verhindern, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in Deutschland auf einer öffentlichen Veranstaltung für seine Allmachtsfantasien wirbt. Natürlich muss sich die Bundesregierung beim Nato-Partner (!) Türkei mit allem Nachdruck für die Freilassung von Deniz Yücel und all den anderen inhaftierten Journalisten einsetzen.

Natürlich darf es die Bundeskanzlerin nicht bei ein paar verbalen Protestnoten belassen, auch wenn sie so den Flüchtlingspakt mit Ankara gefährdet. Der Deal ist schmutzig und wird mit jeder falschen Rücksichtsnahme noch schmutziger.

Doch bei aller Kritik an Erdogan und seinen Gefolgsleuten sollte eines klar sein: Es geht hier um einen politischen Streit und nicht um einen Streit zwischen den Deutschen und den Türken. Gerade in Zeiten der großen (auch medialen) Vereinfachungen muss jeder falsche Zungenschlag vermieden werden.

Millionen Zuwanderer aus der Türkei haben in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich dazu beigetragen, dass Deutschland heute zu den reichsten Gesellschaften der Welt zählt. Viele von ihnen sind bestens integriert und mental längst hier angekommen, ohne dabei ihre Wurzeln zu verleugnen. Andere waren und sind türkische Nationalisten. Letztere haben in jüngerer Vergangenheit Zulauf bekommen. Die spannende Frage ist: Warum?

Bei manchen Türkisch-Deutschen gibt es sicherlich eine romantische Verbindung zum Herkunftsland ihrer Vorfahren – so, wie man es auch von vielen deutschen Auswanderern kennt. Das ist nicht weiter problematisch. Zum Problem wird es erst dann, wenn neben dem verklärten Bild von der alten Heimat Ausgrenzungserfahrungen in der neuen Heimat hinzukommen.

Genau das aber erleben viele Türkisch-Deutsche immer noch. Auch wenn sie hier geboren wurden, haben sie weiterhin schlechtere Bildungschancen, sie sehen sich mit einer zunehmenden Islamophobie konfrontiert, sie müssen nach wie vor feststellen, dass es ihnen oft schwerer fällt, eine Wohnung oder eine Lehrstelle zu finden, als Menschen mit einem urdeutschen Namen.

Diese Rassismen des Alltags haben bei manchem zu einem Gefühl der Schwäche geführt. Schwäche aber macht anfällig für die Parolen und Verführungsversuche von vermeintlich starken politischen Figuren, von autoritären Gestalten wie beispielsweise Erdogan. Darin unterscheiden sich Neu-Deutsche nicht von Alt-Deutschen.

Idiotische Beschimpfungen

Wie also auf Erdogans Deutschland-Offensive reagieren? Wer auf die nationalistischen Töne und idiotischen Beschimpfungen aus Ankara mit neuen Vorbehalten gegen türkischstämmige Menschen in Deutschland reagiert, macht genau das Falsche.

Ebenso wäre es fatal, die Bombendrohung von Gaggenau zum Symbol für ein zerrüttetes deutsch-türkisches Verhältnis zu stilisieren – zumal nicht einmal klar ist, ob hinter dem Anruf ein türkischer Nationalist, ein deutscher Rechtsaußen, der die Spannungen schüren will, oder ein anderer durchgeknallter Wichtigtuer steckt. Damit würden nur noch mehr Menschen in die Arme von Erdogan getrieben. Zum Glück wissen das die meisten deutschen Politiker. Aber wissen es auch manche Medien und manche Stammtische?

Nein, die Antwort auf Erdogans Verführungsversuche sollte lauten: Türkisch-Deutschen muss endlich das Gefühl gegeben werden, dass sie gleichberechtigt zu unserer Gesellschaft gehören. Gerade jetzt.

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