6864770.jpg

Kommentiert: In die Tasche gelogen

Ein Kommentar von Joachim Zinsen

Während die griechische Regierung in Europa die Ratspräsidentschaft angetreten hat, nimmt das düstere Drama im eigenen Land unbeirrt seinen Lauf.

Auch wenn Athen beteuert, 2014 werde es mit Hellas langsam wieder bergauf gehen. Auch wenn uns einige Herrschaften in Brüssel und Berlin versichern, für Griechenland zeichne sich dank erfolgreicher Krisenpolitik endlich ein Silberstreifen am Horizont ab. Die Realität ist eine andere.

Sie steht in deutlichem Kontrast zum offiziellen Optimismus. Zu Beginn des sechsten Krisenjahres ist die griechische Gesellschaft tief verstört. Bis weit in die Mittelschicht hinein herrschen Depression und Perspektivlosigkeit. Die Zahl der Arbeitslosen liegt inzwischen bei mehr als 27 Prozent.

Rund eine Million Griechen sind inzwischen länger als ein Jahr ohne Job, erhalten allenfalls 200 Euro Überlebenshilfe. Rund zwei Millionen haben laut Schätzungen keine Krankenversicherung mehr. Etwa die Hälfte der griechischen Bevölkerung ist im laufenden Winter nicht in der Lage, die eigene Wohnung angemessen zu heizen.

Ökonomisch ging es 2013 für Griechenland ebenfalls weiter bergab. Um rund vier Prozent schrumpfte in den vergangenen zwölf Monaten das Bruttoinlandsprodukt. Seit Beginn der Krise ist es um insgesamt 25 Prozent eingebrochen. Für das kommende Jahr erwartet die griechische Regierung zwar einen leichten Anstieg der Wirtschaftsleistungen. Doch ähnlich positive Schätzungen gab es in der Vergangenheit schon mehrfach. Bewahrheitet haben sie sich nie.

Zu verdanken ist die desolate soziale und wirtschaftliche Lage auch einer von Berlin und Brüssel den Griechen aufgezwungenen drastischen Sparpolitik, die nur die Verringerung der Staatsschulden im Blick hatte. Doch selbst an dieser Front ist immer noch keine Entspannung sichtbar. Trotz radikaler Kürzungen im Staatshaushalt liegt die Schuldenlast Griechenlands heute mit 176 Prozent des Bruttoinlandsproduktes höher als zu Beginn der Krise. Ohne einen Schuldenschnitt wird Athen diese Bürde nicht los – auch wenn die Bundesregierung nach wie vor das Gegenteil behauptet.

Wer wie der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras heute davon spricht, Hellas habe das Gröbste hinter sich, hat die Kunst perfektioniert, sich in die eigene Tasche zu lügen. Nichts ist gut in Griechenland. Den Flötentönen aus Athen mag zwar ein Teil der europäischen Verantwortungsträger Glauben schenken (wollen). In Griechenland selbst sind die Menschen deutlich desillusionierter. Nach jüngsten Umfragen würde bei Wahlen Samaras‘ konservative Nea Dimokratia von der linken Oppositionspartei Syriza deutlich abgehängt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert