Kommentiert: Happy Birthday, Alice!

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Von: Andrea Zuleger
Letzte Aktualisierung:
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FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 01.12..2017 Andrea Zuleger

Mit einer sehr jungen Frau unterhielt ich mich vor kurzem über Alice Schwarzer. Sie sagte, dass sie Feministin sei. Ich war davon ausgegangen, dass allein schon der Begriff seit fünfzehn Jahren ein Schimpfwort ist. Dementsprechend beeindruckt war ich von ihrem freimütigen Statement.

Aber die junge Frau sagte auch, dass sie glaubt, dass andere Länder in Europa in Genderfragen weiter seien als Deutschland. Und das, so ihre These, liege unter anderem an der Person Alice Schwarzer.

Ohne Zweifel: Alice Schwarzer hat viel getan. In einer Zeit, als Frauen in Deutschland noch Kittelschürze trugen, hat sie in Paris mit Simone de Beauvoir debattiert – über den kleinen Unterschied und seine großen Folgen. Ihre Vorstellungen von Emanzipation hat Schwarzer aus Frankreich mitgebracht. Sie hat mit ihren Kampagnen zu Abtreibung, zu Gewalt in der Ehe, zu Pornografie die Gesellschaft verändert. Dafür hat sie Häme eingesteckt, die unterhalb der Gürtellinie angesiedelt war, aber auch das Bundesverdienstkreuz.

Doch junge Frauen erinnern sich an eine andere Schwarzer: an eine, die jede Muslimin vorverurteilt, an eine, die in Geldfragen ihre Solidarität mit der Gesellschaft vergisst. Und an eine, die sich von der Bild-Zeitung im Kachelmann-Prozess vereinnahmen ließ.

Das Tragische daran war, dass sie dabei genau in jenem Weltbild vom männlichen Täter und dem weiblichen Opfer feststeckte, das sie selbst in den Jahrzehnten zuvor zu zerstören geholfen hatte.

Ganz klar: Junge Frauen, ob sie sich als Feministinnen bezeichnen oder nicht, können sich nicht mehr mit Alice Schwarzer als ihrer Vertreterin identifizieren. Die Kämpfe, die Alice Schwarzer in ihren Anfängen ausgefochten hat, das Leben, das sie führte, ist für sie so weit weg wie die Steinzeit. Und umgekehrt tut sich auch Schwarzer mit ihnen schwer. Als sie 2008 die Journalistin Lisa Ortgies als Chefredakteurin der „Emma“ engagierte, hielt die Allianz nicht einmal sechs Monate. Dann war das neue Gesicht der „Emma“ wieder weg. Zu tief waren die Gräben: Was die eine als modernen Feminismus verkörperte, war für die andere die Rolle rückwärts. Beiden gemeinsam war nur die Gewissheit, dass es trotz aller Erfolge noch viel zu tun gibt.

Gleichberechtigung?

Denn: Von echter Gleichberechtigung sind wir weit entfernt. Frauen werden immer noch nicht selbstverständlich für gleiche Arbeit gleich bezahlt. Oft werden sie gar nicht bezahlt, weil ihre Kraft in die Sorge von Familie fließt. Sexuelle Gewalt gibt es nicht nur auf Besetzungscouchs. Die Ungleichheit ist vielleicht nicht mehr so offensichtlich, sie ist subtiler geworden, aber es gibt sie.

Also: Happy Birthday, Alice Schwarzer. Danke für alles! Aber jetzt ist es genug. Um das Wort Feminismus müssen sich nun andere kümmern.

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