14187766.jpg

Kommentiert: Fatale Heroisierung

Ein Kommentar von Thomas Thelen

Weil er in seinem Leben einige persönliche Rückschläge erlitten hat, ermordet ein 19-Jähriger einen neunjährigen Nachbarsjungen und einen 22-jährigen Bekannten.

Im Internet kursieren für kurze Zeit Bilder, auf denen der Täter neben einer der Leichen posiert. Was ist nur los in unserer Welt?

Wie krank ist das alles? Hat es so etwas vor 50 Jahren eigentlich auch gegeben und wir haben es bloß nicht mitbekommen? Nicht nur die Morde selbst sind unfassbar, sondern auch die Tatsache, dass die Pressekonferenz der Dortmunder Polizei am Tag nach der Festnahme des Täters von mehreren Fernsehsendern und Internetportalen live übertragen wurde.

Natürlich gibt es ein nachvollziehbares Informationsbedürfnis der Menschen, zumal nach außergewöhnlichen Mordfällen wie diesen. Und es versteht sich von selbst, dass sich Polizei und Staatsanwaltschaft zu den Vorgängen äußern mussten. Dennoch sei die Frage erlaubt, wem eine solche Veranstaltung überhaupt nutzt. Der Täter hatte sich gestellt, es ging keine Gefahr mehr von ihm aus, die Fahndung war beendet, die Polizei nicht mehr angewiesen auf Hinweise aus der Bevölkerung. Warum dann diese Live-Pressekonferenz in voller Länge? Machen wir uns nichts vor: Weil es am Ende auch um die Befriedigung von Sensationslust geht.

Eine Pressekonferenz wie diese live zu übertragen birgt die Gefahr, den Täter zu überhöhen. Immer wieder weisen Psychologen, Kriminologen und Soziologen – etwa nach Amokläufen – darauf hin, wie unverantwortlich es ist, Fotos von den Tätern zu veröffentlichen. Denn genau darin könnte ein Teil ihrer Motivation liegen: Ich werde berühmt, ich werde ein Held, die Welt schaut auf mich! Ganz zu schweigen von den potenziellen Nachahmern, die sehen, wie leicht es ist, in die Schlagzeilen zu kommen oder gar zum Mittelpunkt einer Liveübertragung im Fernsehen oder im Internet zu werden. Und so kommt jemand, der vorher womöglich ein unbeachteter und frustrierter Niemand war, durch seine aufsehenerregenden Gewaltverbrechen doch noch ganz groß raus.

Unverantwortlich

Die Gefahr einer Heroisierung junger Amokläufer und Mörder ist groß. Deshalb verzichtet ein Großteil der Medien konsequent auf die Veröffentlichung von Täterfotos. Unsere Zeitung tut dies. Dass die Veröffentlichung eines Fahndungsfotos, mit dem die Polizei den 19-Jährigen in der Vorwoche suchte, korrekt war, ist unstrittig. Im Pressekodex heißt es unter Ziffer 8.1, dass ein Fahndungsersuchen der Ermittlungsbehörden ein öffentliches Interesse begründet. Jetzt aber, wo Marcel H. sich gestellt hat, darf es keine Fotos mehr von ihm geben. Wer sie dennoch veröffentlicht, handelt sensationslüstern und unverantwortlich. Im Zeitalter von Facebook & Co. betrifft das schon längst nicht mehr nur die klassischen Medienschaffenden. Es betrifft jeden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert