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Kommentiert: Falscher Eindruck

Ein Kommentar von Joachim Zinsen

Lassen wir die Kirche und auch die Moschee im Dorf. Bevor sich in unseren Köpfen der falsche Eindruck festsetzt, dass eine Mehrheit der Deutschtürken die autokratischen Pläne von Erdogan bejubelt, sei ein Blick auf Zahlen erlaubt.

Von den knapp drei Millionen türkischstämmigen Menschen in Deutschland waren 1,4 Millionen beim Referendum wahlberechtigt. Etwas weniger als die Hälfte von ihnen hat tatsächlich abgestimmt. Davon wiederum votierten rund 63 Prozent für Erdogans Pläne. Unter dem Strich sind es also nicht einmal 15 Prozent der Deutschtürken, die mit Ja abgestimmt haben. Daraus nun die steile These abzuleiten, die Integration dieser Zuwanderergruppe sei weitgehend gescheitert, ist schon sehr verwegen.

Trotzdem drängt sich natürlich die Frage auf: Warum hat eine kleine, aber nicht unerhebliche Minderheit für ein System gestimmt, das demokratische Mitbestimmung- und Kontrollrechte stark beschneidet? Pauschale Antworten greifen als Erklärung zu kurz, ebenso wie einseitige Schuldzuweisungen.

Natürlich gab und gibt es Gruppen von nationalistischen Türken, die an einer Integration kaum Interesse haben. Auf der anderen Seite muss sich aber auch die deutsche Mehrheitsgesellschaft den Vorwurf gefallen lassen, vielen Zuwanderern zu spät und dann häufig nur halbherzig das Gefühl gegeben zu haben, hier als gleichberechtigte Bürger willkommen zu sein. Einiges spricht für die These, dass manche Zuwanderer als Reaktion auf diese Ausgrenzung – selbst wenn sie manchmal nur eine gefühlte ist – Erdogan hinterhergelaufen sind.

Mehr statt weniger Integration

Es wäre deshalb fatal, wenn von verantwortlicher Seite ebenfalls falsch reagiert würde. Wenn Teile der CDU nun die Möglichkeit eines Doppelpasses für Deutschtürken abschaffen und hier langansässigen Zuwanderern das kommunale Wahlrecht verweigen wollen, verschärft das die Probleme und treibt Erdogan nur neue Fans zu. Mehr statt weniger Ingrationsangebote zu fordern, ist jetzt notwendig. Auch, wenn das im Wahlkampf vielleicht keine Stimmen bringt.

Im Übrigen: Dass ausgegrenzte und verunsicherte Menschen von angeblich starken Führungpersönlichkeiten und deren autoritären (Schein-)Lösungen fasziniert sind, ist nicht allein ein türkisches Phänomen. Die Wahlen in Österreich und den USA haben das ebenso gezeigt wie der Aufstieg des Front National in Frankreich und der AfD in Deutschland.

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