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Kommentiert: Ein Anstoß

Ein Kommentar von René Benden

Die Geschlossenheit, mit der sich derzeit eine gesamte Region für die Abschaltung der Kernkraftwerke in Tihange und Doel einsetzt, hinterlässt Eindruck – diesseits und jenseits der Grenze.

Bei allem Engagement muss man allerdings auch festhalten, dass sich im Kern der Sache wenig bewegt hat. Die belgischen Atomreaktoren sind weiterhin am Netz. Auch Tihange 2 und Doel 3. Trotz tausender Risse in den Druckbehältern. Und daran wird sich wenig ändern, solange Belgien der Überzeugung ist, dass dies ein ökonomisch sinnvoller und in der Sicherheitsbewertung akzeptabler Weg ist, das Land mit Strom zu versorgen.

Das NRW-Umweltministerium stellt der belgischen Überzeugung nun einen Denkanstoß gegenüber: Mit der Hilfe von grenzüberschreitenden Stromnetzverbindungen könnte ein Teil des belgischen Kernkraftparks schon innerhalb der nächsten drei Jahre verzichtbar werden. Bei gleichzeitigem Ausbau von alternativen und konventionellen Energiequellen stünden belgischen Energieunternehmen die Netze der Nachbarländer offen. Damit wäre der von Belgien längst beschlossenen Atomausstieg im Jahr 2025 auch wirtschaftlich attraktiv.

Die wissenschaftliche Expertise für diesen Denkanstoß haben Forscher der RWTH Aachen nun in einer Studie geliefert. Sicherheitstechnische Empfehlungen spielen darin keine Rolle. „Wir wollen einen konstruktiven Lösungsvorschlag einbringen, ohne jemandem Vorwürfe zu machen“, sagt NRW-Umweltminister Johannes Remmel. Das ist gelungen.

Die vielleicht größte Stärke dieser neuen Studie ist, dass sie darauf verzichtet, Szenarien zu entwerfen, die deutschen Wünschen entspringen. Sie ist bemüht, die belgische Perspektive einzunehmen. Sie analysiert die Daten und beleuchtet die Herausforderungen, vor denen belgische Energieunternehmen und Netzbetreiber in den kommenden zehn Jahren stehen. Und diese Herausforderungen sind groß. Vor allem der belgische Netzbetreiber Elia wird die Frage beantworten müssen, wie er sein Netz stabil hält, während in den alternden Kraftwerksparks von Tihange und Doel immer häufiger Blöcke vom Netz genommen werden müssen. Die Lösung dieses belgischen Problems ist laut der Studie die sukzessive, aber konsequente Ablösung von Tihange und Doel durch einen internationalen Energiemix. Damit hätte sich das deutsche Tihange-Problem beiläufig ebenfalls gelöst.

Nicht verschweigen sollte man allerdings auch, dass der vom NRW-Umweltministerium nun ins Spiel gebrachte Lösungsansatz von wohlwollender internationaler Kooperation ausgeht. Denn er bedeutet nicht weniger als eine gesetzlich festgeschriebene Energiewende auf EU-Ebene und damit eine Neuordnung des europäischen Strommarktes. In Anbetracht derzeit sehr national geprägter Politik in der EU ist Skepsis angebracht. Zumal die Entscheider für diese Fragen nicht in Düsseldorf und Aachen, sondern in Berlin und Brüssel sitzen.

Insofern liegt der schwierigste Teil der Arbeit in Sachen Tihange noch vor Minister Remmel. Jetzt muss er Überzeugungsarbeit für seinen Lösungsvorschlag leisten. Nächste Woche hat er Termine in Berlin und Brüssel.

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