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Kommentiert: Die Union und die Aufbruchs-Euphorie der SPD

Ein Kommentar von Joachim Zinsen

Der Bundestagswahlkampf 2017 steckt zwar noch in den Kinderschuhen. Aber zwei Dinge hat der neue SPD-Spitzenmann Martin Schulz bereits erreicht.

Zum einen ist es ihm gelungen, seine Partei aus ihrem jahrelangen Wachkoma zu holen.

Zum anderen hat er mit seinem Gerechtigkeits-Diskurs größere Teile der deutschen Gesellschaft wieder politisiert. Plötzlich ist die Lust zurückgekehrt, wieder kontrovers zu diskutieren, ja zu streiten. Plötzlich interessieren sich Menschen wieder für Politik, die in den vergangenen Jahren dem Berliner Zirkus den Rücken gekehrt hatten, weil sie sich von ihm unverstanden oder gelangweilt fühlten.

Die neu erwachte Leidenschaft könnte Angela Merkel zum Verhängnis werden. Denn sie durchkreuzt eine lange Zeit erfolgreiche Strategie der Bundeskanzlerin. Merkels hohe Wahlkampfkunst bestand nämlich immer darin, als Regierungschefin die politische Debatte zu entpolitisieren, ihren Kurs als alternativlos darzustellen, kaum klare Kante zu zeigen und damit möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten.

Ihr Ziel war es nie, die eigenen Anhänger zu begeistern. Sie wollte vor allem die Sympathisanten der Gegner demotivieren, sie einschläfern, die Gesellschaft chloroformieren. Das ist der Christdemokratin nahezu perfekt gelungen, weil sie es mit schwachen Kontrahenten zu tun hatte und die meisten großen Leitmedien ihr Spiel mitmachten.

Seit der Kür von Schulz zum Kanzlerkandidaten hat sich das geändert. Merkel und die Union müssen nun mehr bieten als die Ankündigung, Kurs halten zu wollen. Es reicht nicht mehr, dass sich die Kanzlerin dem Wähler mit dem Spruch „Sie kennen mich ja“ als treusorgende Mutti anzudienen versucht.

Nein, die Union wird kämpfen müssen. Und zwar nicht nur – wie in den vergangenen Wochen geschehen – auf die billige Tour, als Politiker aus ihrer zweiten Reihe versuchten, den SPD-Kanzlerkandidaten mit eher nebensächlichen Kleinigkeiten aus dessen Brüsseler Vergangenheit in die Parade zu fahren. Oder mit lächerlichen Schulz-Trump-Vergleichen, wie sie Wolfgang Schäuble kürzlich zum Besten gegeben hat.

Wollen Merkel und die Union am 24. September noch einmal reüssieren, werden sie der Aufbruchs-Euphorie unter Sozialdemokraten ein politisches Projekt gegenüberstellen müssen, das die eigene Anhängerschaft auch emotional anspricht. Doch davon ist derzeit weit und breit nichts zu sehen. Jetzt, da Merkel und die Union tatsächlich einmal gefordert sind, wirken sie überfordert.

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