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Kommentiert: Die Pflege ist ein Geschäft, das sich ändern muss

Ein Kommentar von Rebecca Brockmeier

Es ist ein Geschäft mit Menschen mit einer weiteren unmenschlichen Facette.

Demenzkranke Bewohner von Pflegeheimen bekommen nicht nur Medikamente, die für sie ungeeignet sind, sondern darüber hinaus auch noch schädlich sein können – und das offenbar mit System, geduldet von Heimleitungen, geduldet von der Justiz. Das zeigt der diesjährige AOK-Pflegereport.

Fast jeder zweite Mensch, der in einem Pflegeheim lebt und an Demenz leidet, erhält demnach Neuroleptika, also Mittel, die bei psychiatrischen Krankheiten wie Wahnvorstellungen, aber auch gegen Unruhe und Ängste eingesetzt werden. Warum? Weil die Pflege der Patienten zeitaufwendig ist, weil diese Pillen sie ruhigstellen, weil die Medikamente, die ihre Symptome tatsächlich lindern könnten, teuer sind und die Budgets der Ärzte offenbar zu sehr belasten.

Die Pflege ist ein Geschäft, dem es an Menschlichkeit mangelt. Weil es am Ende eben ein Geschäft ist, bei dem es ums Geld geht. Das ist zwar nichts Neues, doch die Studie zeigt dies erneut erschreckend deutlich. Wo die Probleme liegen, ist klar: zu wenig (Fach-)Personal, zu wenig Zeit, zu schlechte Ausstattung und so weiter. Aber auch: Hausärzte, die – wenn man Experten glauben darf – sich nicht eingestehen, bei der Diagnose der mehr als 60 Demenzformen überfordert zu sein. Patienten, die deswegen nicht an kompetente Fachärzte überwiesen werden. Betreuungsgerichte, die ihrer Verpflichtung nicht nachkommen, Anträge zur Medikamentierung von nicht einwilligungsfähigen Patienten mit Psychopharmaka genau zu prüfen – und im Zweifel abzulehnen.

Dass Menschen, die an einer Krankheit leiden, heute meist nicht mehr mit Gurten, sondern nun eben mit Medikamenten ihrer Freiheit beraubt werden, ist wohl am wenigsten der Fehler der Pflegekräfte. Denn sie sind oft genug an der Belastungsgrenze. Ihr Job ist anstrengend, ist herausfordernd, ist teils sogar überfordernd. Nicht nur wegen der vielen Arbeit, die in wenig Zeit geleistet werden muss. Auch weil Patienten oft schwierig sind, weil sie ihre Pfleger körperlich und verbal angehen.

Fragt man nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten, gibt es zumindest eine überraschend einfache und zugleich erschütternde Antwort: Es braucht Zeit, um mit den Menschen zu sprechen. Um die Heimbewohnerin, die ihren Ehemann auf der Arbeit besuchen möchte, nicht damit abzuspeisen, dass ihr Mann vor 15 Jahren gestorben ist, sondern sie zu fragen, wo ihr Mann denn arbeitet. Mit ihr einen Kaffee zu trinken, sie mal in den Arm zu nehmen.

Das nennen Experten einen wertschätzenden Ansatz. Man kann es auch schlicht Menschlichkeit nennen. Diese zu ermöglichen, erfordert Geld, Zeit und Kontrollen eines Pflegesystems, das noch immer zu oft unmenschlich ist. Funktionierende Kontrollen, mehr Fachpersonal, Angehörige, die hinschauen, wenn etwas im Heim schiefläuft, mehr Geld im System. All das ist nötig, um Menschlichkeit zu schaffen in einem Geschäft, das für Menschen da sein sollte, in einer Gesellschaft, die immer älter wird.

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