15270571.jpg

Kommentiert: Das TV-Duell Merkel gegen Schulz war eher müde

Ein Kommentar von Joachim Zinsen

Spötter sprechen bereits von einem Duett statt einem Duell. Verglichen mit den „Elefantenrunden“ vergangener Jahrzehnte war die TV-Diskussion von Angela Merkel und Martin Schulz am Sonntag eine harmonische Veranstaltung. Streit kam selten auf, Spannung gar nicht.

Dass der Erkenntnisgewinn für den Zuschauer am Ende der Sendung sehr überschaubar war, lag aber nur zu einem Teil an den beiden Kontrahenten. Hauptverantwortlich dafür war das vierköpfige Moderatorenteam.

Das Quartett ließ lange über die Flüchtlingspolitik diskutieren. Gut, das ist für viele Menschen ein großes Thema. Natürlich kann bei ausreichender Sendezeit auch breit darüber parliert werden, wie mit der Türkei und dem Autokraten vom Bosporus umgegangen werden soll. Selbstverständlich ist interessant, was die Kanzlerin und ihr Herausforderer nun genau von US-Präsident Donald Trump halten.

Aber auf allen drei Feldern unterscheiden sich die Positionen von Merkel und Schulz meist nur in Nuancen. Das war schon vor der Sendung bekannt. Trotzdem trieben die Moderatoren die beiden Kandidaten in Scheinkontroversen – allen voran der Privatfernsehmann Claus Strunz, der mit verkürzten Zitaten und falschen Zahlen der ganzen Diskussion offenbar auch noch eine rechte Schlagseite geben wollte. Allein das war schon befremdlich. Richtig ärgerlich wurde es aber, weil durch das Sendekonzept Themen in den Hintergrund gedrängt wurden, die tatsächlich die unmittelbare Lebenswirklichkeit vieler Wähler bestimmen.

Ganze fünf Minuten wurde am Sonntag über die Sozialpolitik debattiert. Nur kurz und oberflächlich kam die Rente zur Sprache. Nachfragen zur Altersarmut? Fehlanzeige! Steigende Mieten, sinkende Löhne – auch diese Probleme wurden von den Moderatoren weiträumig umschifft. Der Klimawandel, die Versäumnisse in der Bildungspolitik, zu wenig Investitionen in die Infrastruktur – alles offenbar für die Fernsehleute nicht der Rede wert. Doch gerade bei diesen Themen hätte ein Streit um Ideen und Konzepte interessant werden können. Chance vertan. Die Kanzlerin wird den Moderatoren dafür sicherlich nicht böse sein.

Denn weil das „Streitgespräch“ so schön harmonisch verlaufen ist, darf sich Angela Merkel nun als Siegerin des Duells wähnen. Sie hat ihrem rhetorisch überlegenen, aber nur bedingt angriffsfähigen Herausforderer halbwegs Paroli bieten können. Martin Schulz kann sich damit trösten, dass er am Sonntag bei den bislang unentschlossenen Wählern deutlich stärker punktete als die Kanzlerin. Die kleinen Parteien hoffen, dass ihnen das müde Duell der beiden Großen Wähler zugetrieben hat. Verlierer des Sonntagsabends waren hingegen die Fernsehzuschauer und alle, die kontroverse Debatten für ein wesentliches Merkmal der Demokratie halten.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert