Kommentiert: Billige Lückenbüßer?

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Kommentiert: Billige Lückenbüßer?

Ein Kommentar von Marco Rose

Ohne das Ehrenamt bräche die Gesellschaft auseinander. Diesen Satz wird man heute oft hören. Er ist wahr, keine Frage. 23 Millionen Deutsche engagieren sich in Initiativen, Vereinen und nicht zu vergessen: Parteien. Sie arbeiten in Schulen, helfen Flüchtlingen, pflegen Alte, geben Nachhilfe oder kümmern sich um öffentliches Grün in der Stadt – unbezahlt.

In vielen Bereichen des gesellschaftlichen und sozialen Lebens geht nichts mehr ohne sie. Und genau das wird zum Problem, wenn der Staat sie zu billigen Lückenbüßern einer gescheiterten Sozialpolitik macht.

Das ist kein Plädoyer gegen das Ehrenamt – im Gegenteil! Wer neben Job und Familie noch Zeit für eine unentgeltliche Tätigkeit findet, der sollte dies machen. Es gibt unzählige Bereiche, in denen es sich anzupacken lohnt. Ein Ehrenamt kann erfüllen, kann im besten Fall glücklich machen. Warum sollten sich rüstige Ruheständler zuhause langweilen, wenn sie mit ihrem Knowhow und ihrer Hilfe woanders viel bewegen könnten? In der Flüchtlingskrise hat sich gezeigt, wozu diese Gesellschaft imstande ist, wenn viele mit anpacken und sagen: Ich helfe!

Helfer nicht ausnutzen

Der Staat darf sich auf dieser Bereitschaft aber nicht ausruhen, darf ehrenamtliche Helfer nicht ausnutzen. Doch genau dies geschieht, wenn der Wohlfahrtsstaat und der Bildungsbereich systematisch unterfinanziert sind. Man kann den klammen Kommunen nicht vorwerfen, dass sie bürgerschaftliches Engagement aktivieren, wo es nur geht. Es obliegt der Bundesregierung, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Wer es zulässt und sogar gezielt fördert, dass Reiche auf Kosten des Gemeinwohls immer reicher werden, der sollte sich am „Tag des Ehrenamts“ mit wohlfeilem Geschwafel zurückhalten! Deutschland braucht kein Heer von Ehrenamtlern, das Profis Konkurrenz macht und dabei hilft, die Preise in den Sozialberufen immer weiter zu drücken. Dieses Land braucht anständig bezahlte Pfleger, Krankenschwestern, Erzieherinnen oder Sozialpädagogen. Dafür wäre eigentlich Geld im Überfluss vorhanden. Man müsste es nur richtig einsetzen.

Zur Wahrheit gehört übrigens auch, dass einer stetig wachsenden Bevölkerungsgruppe die Frage nach einem Ehrenamt wie Hohn vorkommen muss: Menschen, die zwei oder mehr Jobs zum Überleben brauchen, dürften über entsprechende Appelle nur bitter lachen. Um so wichtiger ist, dass sich diejenigen engagieren, die es sich leisten können. Und dass sie dabei entsprechend unterstützt werden. In einem funktionierenden Sozialstaat darf diesen Ehrenamtlern aber grundsätzlich nur eine unterstützende Rolle zukommen.

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