Kommentiert: Adieu, Mittelalter!

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Kommentiert: Adieu, Mittelalter!

Ein Kommentar von Marco Rose

Das Mittelalter liegt in Deutschland bisweilen nicht ganz so weit zurück, wie man das gemeinhin glaubt: Wenn es um das Verhältnis von Staat und Kirche geht, dann herrscht hierzulande ein ausgesprochen rückwärtsgewandter Geist.

Gut, dass der Europäische Gerichtshof die Tür am Dienstag ein wenig in Richtung Moderne aufgestoßen hat, um den Muff der Jahrhunderte durcheinanderzuwirbeln!

Um es klar zu sagen: Niemand möchte den Kirchen Vorschriften in kirchlichen Angelegenheiten machen. Treten die Kirchen aber als Arbeitgeber in durchaus weltlichen Angelegenheiten auf, müssen alte Zöpfe endlich ab! Dann muss Schluss sein mit Bigotterie und Doppelmoral.

Die Frage nach Moral und Anstand

Dabei geht es um mehr als die Frage nach der Religionszugehörigkeit beim Berufseintritt. Praktisch wesentlich bedeutsamer ist die Frage nach den kirchlichen Glaubens- und Moralvorstellungen, nach denen Angestellte konfessioneller Einrichtungen gefälligst zu leben haben.

Was hat bitteschön eine Trennung, Scheidung oder erneute Heirat von Lehrern, Ärzten oder Erzieherinnen mit deren Arbeit zu tun? Nichts! Trotzdem beharrt vor allem die katholische Kirche weiterhin auf ihrem „Recht“, Mitarbeiter nach derlei „Fehlverhalten“ zu feuern.

Man könnte den Kirchen eine solche Macht womöglich noch zugestehen, würden sie ihre Schulen, Kitas oder Krankenhäuser tatsächlich auch aus eigenen Mitteln finanzieren. Doch davon kann in Deutschland überhaupt keine Rede sein.

Die entsprechenden Träger – Caritas oder Diakonie zum Beispiel – geben diesen sozialen Einrichtungen lediglich eine kirchliche Fassade. Aber am Ende bezahlt der Staat die Zeche. So fließt in viele Krankenhäuser oder Altenheime kaum ein Cent Kirchensteuer. Selbst in konfessionellen Kindergärten, wo der kirchliche Anteil am Budget noch vergleichsweise hoch ist, trägt der Staat die finanzielle Hauptlast.

Trotzdem nehmen die großen Glaubensgemeinschaften für sich in Anspruch, dort ihr eigenes Arbeitsrecht und damit auch teils mittelalterliche Vorstellungen von Moral und Anstand zu installieren. Diese Kirchenwelt nennen Gewerkschaften nicht zu Unrecht vordemokratisch.

Noch ist nicht absehbar, welche praktischen Auswirkungen das Urteil aus Luxemburg für die vielen Fälle haben wird, in denen Mitarbeiter und kirchliche Arbeitgeber über Kreuz liegen. Klar ist nur, dass dieses Urteil die Arbeitnehmer stärkt. Die Einzelfallprüfung muss nach Ansicht des EuGH einen deutlich höheren Stellenwert erfahren. Das wäre zumindest ein Fortschritt.

 

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