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Kommentiert: Ach, wie mutig!

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Aachener Karlspreis für EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy: Was für eine wegweisende, bahnbrechende und grandios mutige Entscheidung des Direktoriums! Was für ein heller Akzent in und für Europa!

Was für eine Überraschung, welcher Rückenwind für ein ehrgeiziges Projekt, eine Aufsehen erregende Initiative oder ein bedeutendes Lebenswerk!

Entschuldigung, ehrwürdiges Direktorium: So verliert dieser Preis wieder ein Stück seiner Bedeutung. Der Akt der Einfallslosigkeit wurde sogar einstimmig beschlossen. Man fasst es nicht.

Da gibt es schon wieder keine Chance für europäische Persönlichkeiten wie etwa Daniel Barenboim, Paul McCartney, Hans Küng, einen europafreundlichen Griechen oder Türken von Format zum Beispiel. Oder für die engagierten Europakämpfer mit Vitali Klitschko in der Ukraine. Keine Chance für einen Künstler, Schriftsteller oder Wissenschaftler. Kein neuer Akzent. Kein neuer Ansatz, keine neuen Wege. Kein Aufbruch. Dieses Direktorium erklärt zwar seit Jahren, dass es genau das will, scheint aber lieber in seiner durch nichts zu erschütternden Beratungsresistenz zu verharren. Es bleibt beim Üblichen. Wer so unambitioniert und entrückt handelt, darf sich über sinkende Wahrnehmung und Akzeptanz nicht wundern.

Van Rompuy ist im besten Fall ein braver Pflichterfüller. Dafür wird er in diesem Amt bezahlt. Es gab Zeiten, da reichte eine solche selbstverständliche Normalität für eine so hohe Auszeichnung nicht aus. Der „Mann der leisen Töne“, wie der Sprecher des Karlspreis-Direktoriums, Jürgen Linden, den Belgier unglaublich schönredet, ist deshalb alles andere als eine überzeugende Wahl. Die jetzt in typischer Manier wieder deklarierten wohlklingenden Begründungen helfen da nicht weiter, sie sind ein Dokument der Worthülsen und der verbalen Zumutung, formuliert in der bekannten Feierlichkeit, die man nicht mehr hören will: „Arbeiter und zugleich Visionär“.

Wie bitte? Van Rompuy ein Visionär? Geht es noch eine Nummer größer, noch übertriebener, noch verdrehter? Van Rompuys kaum zu hörende Stimme und kaum wahrzunehmende Einmischung in wesentliche europäische Angelegenheiten, kurzum seine Unfähigkeit zu führen, werden uns von den Karlspreis-Verleihern mit Etiketten wie „Meister des Ausgleichs“ oder „Krisenmanager“ präsentiert. Das ist geradezu lächerlich. Sprachliche Phantasie haben die Damen und die Herren in diesem Gremium jedenfalls.

Attestiert wird ausgerechnet van Rompuy auch, dass er, so Jürgen Linden wörtlich, dem „Laden Schwung gibt“. Der Mann, auf den das zurzeit zutrifft, ist allerdings nicht der EU-Ratspräsident, sondern der Präsident des EU-Parlaments, Martin Schulz. Aber der Würselener kommt in Aachen nicht zum Zuge, weil nächstes Jahr das Europaparlament gewählt wird. Wo kämen wir hin, wenn ein Wahlkämpfer einen Preis erhielte, den eher er als Van Rompuy verdient hätte, wenn es denn unbedingt ein EU-Spitzenpolitiker sein soll? Könnte ja sein, dass er tausende vom Karlspreis enthusiasmierte Wählerinnen und Wähler zusätzlich gewänne. Wer‘s glaubt, hat zumindest wieder eine wunderbare Begründung. Und darauf kommt es ja offensichtlich vor allem in diesem traditionsreichen Gremium an, in dem schon große Europäer wie Gorbatschow, Brandt und Genscher keine Mehrheit fanden.

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