Glossiert: Mach nur einen Plan!

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Glossiert: Mach nur einen Plan!

Ein Kommentar von Georg Müller-Sieczkarek

Schon Bertolt Brecht wusste es. In seiner schönen „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ heißt es: Ja, mach nur einen Plan!/Sei nur ein großes Licht!/Und mach dann noch’nen zweiten Plan/Gehn tun sie beide nicht.

Das war 1928, und Brecht konnte nicht einmal ahnen, was denn 90 Jahre später wohl einmal eine App sein würde. Wie hätte man es ihm auch erklären sollen? Also, verehrter Herr Dichter, das ist so etwas wie...also eine Art Notizbuch oder Rechenschieber, mit dem Sie aber auch Pizza bestellen oder Bubble Witch 3 spielen können oder einen Flug mit American Airlines buchen, nur elektrisch, verstehen Sie?

Auf dem Telefon, nein, nicht so einem ollen aus Bakelit, sondern ganz klein, ohne Schnur, und jeder wird einmal eins haben... Man wäre gescheitert. Ist aber auch egal. Denn die grundlegende Brechtsche Skepsis gegenüber der Planbarkeit des menschlichen Daseins hat auch so einmal mehr eine schöne Bestätigung gefunden.

American Airlines, die Brecht natürlich auch nicht kennen konnte, sorgt ungewollt für eitel Freude in ihren Maschinen, zumindest im vorderen Teil, und für Heiterkeit beim Publikum. Eine App namens „Trip Trade“, mit der die Piloten ihre Freizeitwünsche online äußern können, spielte verrückt, gab einfach jedem, der wollte, zum Jahresende frei. Und sorgt nun für leere Cockpits und allerhand Tohuwabohu. „Niemand hat gesagt: Ich will an Weihnachten arbeiten“, gab ein Insider zu Protokoll. Da schau her! Die Mehrzahl der feschen Luftkutscher zieht also Truthahn mit Schwiegermutti und schräg flötenden Nachwuchs unterm Christbaum einem entspannten Dienstflug nach Honolulu oder Sydney mit anschließendem Bar- und Poolbesuch im Kreise der Kollegen und -innen vor.

Was unser Bild von der hedonistischen Fliegerkaste nachhaltig erschüttert. Erkenntnis: Der gemeine Pilot ist eben auch nicht mehr das, was er mal war. Ja, macht einen Plan...American Airlines verfügt über eine gewisse Routine darin, im Advent Wirrwarr unterm Personal zu stiften. Weihnachten 2015, kein Scherz, hatte es die Crews andersherum getroffen: Da wurde Bordpersonal, das eigentlich frei hatte, zum Fliegen eingeteilt.  Das hätte Brecht nicht gefallen.

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