„Zuhause ist dort, wo man sich wohlfühlt”

Von: Nicola Gottfroh
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Ahmet Yildiz erinnert sich bei
Ahmet Yildiz erinnert sich bei einer Tasse Tee an seine ersten Jahre in Deutschland. Foto: N. Gottfroh

Stolberg. Die Hoffnung auf ein besseres Leben war es, die die ersten türkischen Gastarbeiter einst nach Deutschland trieb. Am Montag ist es 50 Jahre her, dass die Bundesrepublik und die Türkei das sogenannte Anwerbeabkommen getroffen haben. 1,1 Millionen Türkinnen und Türken kamen seit 1961 nach NRW.

Als dieses Abkommen unterzeichnet wurde, da war Ahmet Yildiz gerade einmal ein Jahr alt, und keiner in seiner Familie konnte ahnen, dass es einmal das Leben der gesamten Familie Yildiz bestimmen sollte. Das zeichnete sich erst sieben Jahre später ab, als Ahmet Yildiz Vater alleine nach Deutschland ging, um hier ein besseres Leben für die Familie aufzubauen.

„Viele gingen damals nach Deutschland, um der Familie ein besseres Leben bieten zu können - alle haben immer nur von Almanya geredet und erzählt, wie luxuriös und reich das Land ist”, sagt der Stolberger. Der damals Achtjährige konnte es kaum erwarten, mit seinen acht Geschwistern und seiner Mutter dem Vater nach Deutschland zu folgen.

Bis Ahmet Yildiz jedoch selbst ein Flugzeug bestieg, um in dem fremden Land zu leben und zu arbeiten, sollten noch einige Jahre ins Land ziehen. „1974 bin ich als 14-Jähriger nach Deutschland gekommen. In der Türkei war ich gerade mit der Schule fertig und wollte jetzt wie mein Vater und mein älterer Bruder in Deutschland arbeiten”, erinnert er sich. Deutschland, so erzählt er, sei für ihn und viele andere junge Türken immer ein Traumland, ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten gewesen.

Und als der junge Türke dann auf deutschem Boden aus dem Flugzeug stieg, hat ihn tatsächlich eine ganz andere Welt als die ihm bekannte empfangen. „Ich musste schon staunen. In Alatasköyü, das ist das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, haben wir 1974 gerade erst Strom bekommen - und nun war ich in Deutschland, wo alles so modern war, die Häuser so schön und sogar Blumen in den Vorgärten blühten”, sagt er.

Trotz aller Unterschiede fand sich Ahmet Yildiz schnell zurecht. Und obwohl er zu Beginn kaum ein Wort Deutsch sprach, konnte er schon bald eine Stelle bei dem Unternehmen Prym antreten. Kollegen und sein Bruder halfen ihm, die Sprache zu lernen. Das ist jetzt fast 40 Jahre her. „Seitdem bin ich Stolberger”, sagt er.

Und tatsächlich hat man das Gefühl, dass Ahmet Yildiz wirklich angekommen ist in seinem „Almanya”. Er hat hier geheiratet, ist hier Vater von vier Kindern geworden und hat den Nachwuchs hier großgezogen. Nur eines würde er verändern, wenn er die Macht dazu hätte. „Ich finde es ist eine Schande für Stolberg, dass hier einmal im Jahr die Neonazis durchlaufen”, sagt er und rührt nachdenklich in seiner Tasse Tee.

Fremdenfeindlichkeit, die versteht er nicht. Denn er hat immer viel Wert darauf gelegt, dass seine Kinder nicht nur anständig die Sprache sprechen, sondern auch deutsche Werte wie Pünktlichkeit leben. Dabei war er stets fleißig. Obwohl er seit 37 Jahren Mitarbeiter der Firma Prym ist, gehört er auch zu den ersten türkischen Stolbergern, die sich mit einem Geschäft in der Stolberger City selbstständig machten: Gemeinsam mit seiner Frau Sevim eröffnete er vor mehr als 20 Jahren einen Laden, in dem man türkische und orientalische Geschenkartikel kaufen oder Reisen an den Bosporus buchen kann. Er ist Vorsitzender des Vereins Side, einem Zusammenschluss mittelständischer, türkischer Geschäftsleute in Stolberg.

Deutschland ist nach fast 40 Jahren mehr für Yildiz, als nur der Ort, wo er arbeitet. Für ihn ist es „Zuhause”. „Zuhause ist dort, wo man sich wohlfühlt. Die Türkei ist zwar meine Heimat, dort habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht, das vergisst man nicht. Zuhause bin ich aber in Stolberg. Hier ist die Heimat meiner Kinder”, sagt Ahmet Yildiz.

Seinen Ruhestand möchte er eines Tages in der Türkei genießen - ohne aber die Brücken nach Deutschland abzureißen. „Das ist gar nicht möglich. Meine Kinder haben sogar deutsche Pässe. Sie gehören zur dritten Generation, die gar nicht mehr in der Türkei leben möchten”, erklärt er. Das, so findet er, soll auch so sein.
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