Weihnachten mal anders: Polen, Schweden und Spanier berichten

Von: Christina Handschuhmacher und Doris Kinkel-Schlachter
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„Figuritas de Mazapan“: Marzipan-Figuren und andere Leckereien aus Spanien gehören für Familie Willhardt-Zorrilla unbedingt dazu. Ansonsten feiern Gisela, Noelia und Thorsten (von links) Weihnachten eher deutsch. Foto: D. Kinkel-Schlachter
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Auch der Julbock darf nicht fehlen. „God Jul“ heißt es bei dem gebürtigen Schweden Björn Håkansson und seiner Tochter Christina Håkansson. Foto: C. Handschuhmacher
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„Wesolych Swiat“ wünschen sich heute Abend die Polin Lucia Kinder (unten) und ihre Familie. „God Jul“ heißt es bei dem gebürtigen Schweden Björn Håkansson und seiner Tochter Christina Håkansson (oben). Foto: C. Handschuhmacher

Stolberg. Als junge Mädchen haben Lucia Kinder und ihre zwei Schwestern am heiligen Abend ungeduldig in den Himmel geschaut. Und gewartet. Darauf, dass endlich der erste Stern am Himmel erscheint. „Denn erst dann“, so erzählt Lucia Kinder, die in Niederschlesien aufgewachsen ist, „durften wir uns an den gedeckten Tisch setzen. Unsere Eltern waren da sehr streng.“

Dienstagabend beginnt Wigilia – so heißt der Heiligabend in Polen – für Lucia Kinder und ihre Familie unabhängig davon, wann der erste Stern am Himmel zu sehen ist. Aber einige Bräuche aus ihrer polnischen Heimat pflegt die 52-Jährige, die seit 24 Jahren in Deutschland lebt, auch heute noch.

Schon das Decken des Tisches läuft nach polnischer Tradition anders ab. An Heiligabend nämlich wird Lucia Kinder einen Haufen Stroh unter die Tischdecke legen – als Erinnerung an Jesus, der in einer Krippe geboren wurde. Mit acht Personen werden Lucia Kinder und ihre Familie den heiligen Abend feiern – gedeckt wird aber für neun Leute. „Der freie Platz am Tisch bedeutet, dass jeder willkommen ist, weil niemand alleine feiern soll“, erklärt sie. „Und er erinnert an die Verstorbenen der Familie.“

Typisch polnisch ist auch das Essen, das Lucia Kinder und ihre Schwester an Heiligabend zubereiten. „In Polen ist es sehr wichtig, dass in Anlehnung an die zwölf Apostel zwölf Gerichte auf den Tisch kommen“, erzählt die Steuerfachangestellte, die auch einen polnischen Spezialitätenladen in der Innenstadt betreibt. Polnischer Karpfen in verschiedenen Variationen, Rote-Beete-Suppe mit Teigtaschen, Sauerkraut und Hering kommen unter anderem auf den Tisch. Nur Fleisch gibt es keins. „Zur Erinnerung an Jesus, der arm auf die Welt kam, verzichten wir Heiligabend auf Fleisch“ sagt Lucia Kinder. Für sie ist die Essensvorbereitung vor allem viel Aufwand. „Die polnischen Traditionen zu pflegen, bedeutet vor allem Arbeit, Arbeit, Arbeit“ , sagt Lucia Kinder und lacht. Kartoffelsalat und Würstchen – wie sie in manchen deutschen Haushalten traditionell auf den Tisch kommen – sind für sie aber keine Alternative. „Meine Schwester und ich fragen uns jedes Jahr, warum wir uns die ganze Arbeit machen. Aber wir wollen es auch nicht missen.“

Björn Håkansson hat Heiligabend wieder seinen großen Auftritt – für seine Enkelkinder verkleidet sich der Schwede als „Tomte“, so heißt der schwedische Weihnachtsmann. Tomte überreicht die Geschenke, die schon seit Tagen mit Namensschildern versehen unter dem Weihnachtsbaum der Familie Håkansson liegen. „Diese Tradition habe ich aus meiner Kindheit übernommen. Für die Kinder ist es spannend, die Geschenke schon vorher zu sehen, sie zu schütteln und zu überlegen, was dort drin sein könnte“, sagt seine Tochter Christina Håkansson.

Die 41-Jährige wurde in Schweden geboren, kam aber bereits als Kleinkind mit ihren Eltern nach Stolberg. Weihnachen hat die Familie dennoch oft im schwedischen Halmstad gefeiert. „Dann fing der Heiligabend damit an, dass wir eine ganz alte Donald-Duck-Folge mit verschiedenen anderen Disney-Figuren geguckt haben“, erzählt die Zahnärztin. „Die Folge lief sogar schon als mein Vater noch ein Kind war. Wenn ich über Weihnachten in Schweden bin, schaue ich sie mit meinen Kindern auch an.“

„Knut“ nur eine Erfindung

Weihnachten wird aber in Gressenich gefeiert – nach schwedischer Tradition. „In jedem Fall werden wir den Tannenbaum in die Mitte schieben und zu schwedischen Weihnachtsliedern drum herum tanzen“, sagt die Zahnärztin. Auch die Weihnachtsdekoration mit roten Farben und dem klassischen Julbock aus Stroh ist typisch schwedisch. Nur auf das aufwendige schwedische Weihnachtsessen verzichtet die Familie.

Und wie geht es nach Weihnachten weiter? In Schweden endet die Weihnachtszeit 20 Tage nach Heiligabend mit „Knut“. An diesem Tag werden traditionell die mit Leckereien geschmückten Weihnachtsbäume geplündert, erzählt Björn Håkansson. „Aber dass der Tannenbaum dabei aus dem Fenster geschmissen wird, ist eine Erfindung von Ikea“, sagt Christina Håkansson. „Wir werden ihn ganz gewöhnlich auf die Straße stellen.“

Spanisches Gebäck

Bei Familie Willhardt-Zorrilla steht der Christbaum natürlich ebenfalls schon. Und nicht weit davon entfernt liegen süße Sünden mit klangvollen Namen wie „Torta Turrón“, „Mantecados de Aceite“ oder „Figuritas de Mazapan“ auf einem Teller. „Das spanische Gebäck muss sein“, sagt Gisela Zorrilla und lächelt. Die 40-Jährige ist gebürtige Spanierin. Nach ihrer Geburt in Bilbao ist sie allerdings schon mit zwei Monaten mit ihren Eltern nach Stolberg gekommen. „Ich feier also schon seit meiner Kindheit deutsche Weihnachten“, sagt sie.

Ein paar Nuancen gibt es dann aber doch: Zuerst geht es nach Köln zur Oma von Ehemann Thorsten. Und am heiligen Abend kommen alle in Münsterbusch zusammen, um bei Gisela Zorrillas Schwester gemeinsam zu feiern – mit deutschen und spanischen Leckereien. Dann gibt es auch Geschenke. „In Spanien werden die heiligen drei Könige groß gefeiert. Sie bringen Geschenke, es finden große Umzüge statt, bei denen auch Klümpchen geworfen werden – wie bei uns an Karneval!“ Bevor die Kinder in Spanien am 5. Januar schlafen gehen, stellen sie am Fenster neben ihren Schuhen ein Glas Likör und einen Keks für jeden der drei Könige bereit und legen ein bisschen Hafer oder Brot für die Kamele aus.

Die elfjährige Tochter Noelia ist ganz froh, dass ihre Familie Weihnachten eher deutsch angeht, denn: „Geschenke erst am 6. Januar? Das geht ja gar nicht!“

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