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Was ist der Traum vom Heim noch wert?

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
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Wie ein Schweizer Käse: Während mit zahlreichen Bohrungen die Freiflächen saniert wurden, bangen die Hausbesitzer noch immer. Zwei einigten sich mit der VR-Bank und zogen weg; ein Vertrag ist unterschriftsreif. Vier Familien streiten mit dem Geldinstitut vor Gericht. Foto: J. Lange

Stolberg. „Ich habe den Eindruck, es kommt von ihrer Seite wenig zu Vergleichsbereitschaft“, sagt Richterin Claudia Grävert mit Blick zu den Vertretern der beklagten VR Bank. „Da ist es doch nur zu verständlich, dass die Kläger mit ihren Maximalforderungen beginnen“.

Es geht ums Geld: Was ist die VR-Bank bereit, für eine Rückabwicklung des Vertrages über den Kauf des Eigenheims an der Anna-Klöcker-Straße zu bezahlen? Welche Summe stellt dagegen eine gerechte Entschädigung für den Aufwand der Bauleute dar? Seit Monaten sind die drei haupt- und zwei ehrenamtlichen Richter der 1. Zivilkammer des Aachener Landgerichts unter dem Vorsitz von Hans Wimmer bemüht, diese Fragen zu klären. Zwei Klagen aus dem Donnerberger Neubaugebiet auf einem ehemaligen Erzbergbaufeld sind bei dieser, zwei weitere bei der 10. Zivilkammer anhängig.

Zwei Vergleiche, vier Klagen

Mittlerweile im vierten Jahr kämpfen die Anwohner um ihr Recht oder anders gesagt gegen den finanziellen Kollaps. Erst im Sommer 2010 präsentierten die VR Bank und die ihr genossenschaftlich verbundene Bankaktiengesellschaft BAG ein Bodengutachten, laut dem eine Reihe von Häusern im Bereich von früheren Schachtanlagen stehen. Risse in Wänden, Decken und Böden dokumentieren Setzungen. Die Bewohner haben Angst – vor Schäden ebenso wie vor finanziellen Folgen.

„Wir fühlen uns von der Bank betrogen“, bewerteten seinerzeit Nicole und Sascha Sobotka ihre Situation. Dieses und ein weiteres Ehepaar haben mittlerweile einen Vergleich mit der Bank geschlossen und ihre Häuser verlassen. Ein weiterer Vertrag sei unterschriftsreif, erklärte Siegfried Braun von der VR Bank am Rande der Verhandlung. Vier Fälle sind derzeit gerichtsanhängig.

Monatelang wurde seit 2010 das Erdreich der Freiflächen des Neubaugebietes im Auftrag der BAG, die die Flächen von der VR Bank übernommen hatte, mit einer Spezialmasse verfüllt, um Standfestigkeit zu erreichen. Nicht jedoch unter den am stärksten betroffenen Gebäuden, da die Besitzer durch Erschütterungen weitere Schäden befürchteten und auch im Hinblick auf die Verhandlungen mit der Bank. Diese erklärte sich zwar bereit zu Einigung, zur Zahlung von Entschädigungen bis hin zur Rückabwicklung der Kaufverträge – je nach Gusto der Immobilienbesitzer. Doch der Teufel steckt wie so oft im Detail. „Die VR-Bank spielt auf Zeit und will uns wie am ausgestreckten Arm verhungern lassen“, erklärten die Hausbesitzer Victoria und Vitalis Schröder im Juni 2012 gegenüber unserer Zeitung. Noch immer beschäftigt auch ihr Fall das Landgericht. Das Angebot der Bank lag weit unter dem erwarteten Wert, den die Schröders als Ausgleich für ihre Aufwendungen erwartet hatten. Bei ihrem Traum von den eigenen vier Wänden hatten sie dank fachkundiger Familienmitglieder einen besonders hohen Anteil an Eigenleistungen erbracht. Was seinerzeit das Budget schonte, führt heute zum Problem: „Wie können wir das belegen?“ Eine Frage, die auch andere Hausbesitzer betrifft.

Eigenes Engagement beim Bau, Ausgaben aus dem normalen Portemonnaie, nicht gesammelte Quittungen, Kosten für Gutachten und Gericht, Diskussionen, Verhandlungen, Sorgen um die Zukunft – die Nerven liegen blank.

Den Familien Atach und Bouamoud hat die VR-Bank noch kein finanzielles Angebot unterbreitet. Mit ihrem Anwalt Michael Kirsch und unter der Mithilfe eines vom Gericht anerkannten Ingenieurbüros haben sie sich in mühevoller Kleinarbeit bemüht, die Kosten des Hauses nachträglich aufzulisten. Das hat Wochen gedauert. „Von ihnen gibt es bis jetzt ja keinen konkretes Angebot“, hält Kirsch im Gerichtssaal der beklagten VR-Bank vor. „Wir sind jetzt erst in der Lage, eins zu unterbreiten“, verweist Anwalt Arnd Holzapfel auf das nun vorliegende Zahlenwerk. Doch das müsse nun erst einmal geprüft werden. Das sollen die Fachleute der BAG machen.

Ein Umstand, den Kirsch und seine Mandanten kritisch sehen. Denn es ist auch die BAG, die die Häuser ankaufen soll. „Dieser Umstand reicht vielleicht für ein Angebot, aber nicht für einen sachgerechten Vergleich“. Die Möglichkeit dazu mochte die 1. Zivilkammer am Donnerstag nicht verbauen und vertagte sich auf den 11. April – mit dem Hinweis, spätestens dann einen Gutachter zur Wertermittlung durch das Gericht zu bestellen; das hatte Kirsch beantragt.

In einem weiteren Fall aus dem Neubaugebiet, der vor der 10. Zivilkammer verhandelt wird, rückt nun auch die Stadt Stolberg in den Focus, deren Vertreter bislang lediglich als Zeugen gehört wurden. Namens der Mandanten hat der Aachener Rechtsanwalt „der Stadt Stolberg den Streit verkündet mit der Aufforderung, dem Rechtsstreit“ gegen die VR Bank „auf Seiten der Kläger beizutreten“.

Von besonderer Bedeutung für dieses Verfahren ist dabei einerseits die Bergbauproblematik. Andererseits wirkt die Streitverkündung aufschiebend auf eine Verjährung. Im Falle eines Versäumnisses der Stadt bei der Bauleitplanung bliebe die Möglichkeit länger bestehen, sie in Anspruch zu nehmen. In erster Linie geht es aber um die Frage, wer wann was zur Bergbauproblematik gewusst hat. Die Klägerin hält vor, dass der Stadt, der VR Bank sowie der Wohnungsgenossenschaft Stolberg (WoGe) die Auswirkungen des umgegangenen Bergbaus bereits 1999 bekannt waren. Zu dieser Zeit hatte die WoGe das Areal als Teil eines Immobilienpaketes von der Stadt für 18,75 Millionen DM gekauft und weiter an die VR-Bank vermarktet, während im Rathaus und dem Eschweiler Planungsbüro APB die Bauleitplanung dazu anlief.

Im Juli 2005 stimmte der Stadtrat einer Ausgleichszahlung an die VR-Bank auf Basis eines privatrechtlichen Vertrags zu: Aufgrund der einstigen Bergbauaktivitäten sind höhere Aufwendungen zur Gründung erforderlich. Derweil vermarktete die VR-Bank die Baugrundstücke. Jetzt sei sie bereit die Immobilien zurückzunehmen; die müssten für eine erneute Vermarktung erst einmal saniert werden.

Und die heutigen Bewohner? Die hoffen auf einen Neubeginn, damit der Traum vom Eigenheim kein Alptraum bleibt.

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