Wahl-Stolberger organisiert Hilfe nach Erdrutsch in Nachterstedt

Von: Saskia Zimmer
Letzte Aktualisierung:
hilfe_bu
Wollen gemeinsam helfen: Hans-Dieter Asboth (links) zeigt Ferdi Gatzweiler seinen Ausweis mit dem Geburtsort Nachterstedt. Foto: S. Zimmer

Stolberg. Wenn Hans-Dieter Asboth anfängt zu erzählen, befällt ihn sogleich eine Gänsehaut. Und er hat eine Menge zu erzählen, es sprudelt nur so aus ihm heraus. Fast 700 Kilometer trennen den Wahl-Stolberger von seinem Geburtsort, und doch ist er zur Zeit eigentlich nirgendwo anders, zumindest in Gedanken.

Seit Sonntag verpasst Asboth keine Sendung über den tragischen Erdrutsch in Nachterstedt. Bei jedem Bild, was über den Bildschirm flackert, stellen sich ihm die Nackenhaare auf.

Anpacken statt hilflos zusehen

Asboth (54) ist in Nachterstedt geboren, 30 Jahre lange hat er in dem Städtchen in Sachsen-Anhalt gelebt. Er kennt die Straßen, die Häuser, die Menschen. Er weiß, wie es dort aussieht, wie es dort aussah. Und genau deswegen hält Asboth nichts mehr vor seinen Fernseher. Er kann nicht mehr hilflos zu sehen, er will anpacken.

Einen Anruf und wenige Stunden später sitzt er im Büro von Bürgermeister Ferdi Gatzweiler. Erzählt ihm seine Geschichte, sein Anliegen. Er ist nervös, will nicht ins Rampenlicht gestellt werden. „Ich bin kein Mann großer Worte, ich möchte einfach nur den Menschen aus meinem Heimatort helfen, und am liebsten mit etwas Greifbarem”, sagt Asboth, der seit zehn Jahren in Stolberg lebt. Dabei lässt er verlegen seinen Schlüsselbund immer wieder von der einen in die andere Hand gleiten. An ihm hängt das kleine, grüne DDR-Ampelmännchen.

Gatzweiler ist von dem Einsatz und Vorhaben Asboths begeistert. Es wird nicht lang gefackelt, keine bürokratischen Überlegungen angestellt, sondern kurzerhand eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Eine Spendenaktion für die Menschen in Nachterstedt. „Wir werden bei Firmen Hilfe anfragen und die Bürger bitten wir in erster Linie um Sachspenden, vor allem gut erhaltene Textilien”, erklärt Ferdi Gatzweiler.

40 Familien sind von dem Unglück betroffen, haben ihr Hab und Gut verloren. Sie dürfen nicht mehr in ihre Häuser zurück - dem jetzigen Stand nach nie wieder. Und Asboth weiß, wie die Menschen an ihrem Zuhause hängen. Wie viel Arbeit sie seit dem Kauf nach der Wiedervereinigung in die Sanierung und Renovierung gesteckt haben. Asboth erzählt, dass die Siedlung, die jetzt nicht einmal mehr betreten werden darf, das Überbleibsel des alten Ortes Nachterstedt ist. Seit 1936 stehen diese Häuser dort, seit der Flutung des Tagebau-Lochs in bevorzugter Lage direkt am See. Der Rest des Ortes musste dem Tagebau weichen und ein Stück weiter nach hinten verlegt.

Asboth kennt viele Menschen, die in der Siedlung gelebt haben. Frühere Freunde, alte Klassenkameraden, einstige Fußballkollegen. Regelmäßig fährt er nach Niedersachsen, sein Sohn wohnt im Nachbarort, zur Einschulung seines Enkels war er das letzte Mal dort. Aber es wird nicht mehr lang dauern, bis er sich das nächste Mal ins Auto setzt und gen Osten fährt.

Schon am Wochenende will sich Asboth aufmachen und die bis dahin gesammelten Spenden mit einem Lkw nach Sachsen-Anhalt bringen. Denn Absoth weiß: „Die Menschen brauchen jetzt sofort Hilfe.” So steht er auch mit der Bürgermeisterin von Nachterstedt in Kontakt, alles ist abgesprochen. „Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung sollen die Menschen in Ost und West wissen, dass man füreinander da ist”, sagt er.

Wenn Asboth sich am Wochenende in den Lkw setzt, um die Spenden in seine Heimat zu bringen, wird er mit Sicherheit auch Angst haben, gibt er zu. Angst vor dem Anblick eines Nachterstedts, das er noch nicht kennt. „Aber es geht hier nicht um mich, sondern um die Menschen, die unsere Hilfe brauchen”, sagt er. Die Gänsehaut bleibt.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert