Vor Berzelius macht selbst die Bahn Halt

Von: Jürgen Lange
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Bagger und Menschen wirken wie auf einem Modell: Acht Meter unterhalb der Vennbahnstrecke liegt der alte Rauchgaskanal. In mühsamer Kleinarbeit wird das belastete Material aus dem Boden geholt. Foto: J. Lange
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Dr. Stefan Michaelis ist bei der Berzelius Bleihütte für das Umweltschutz-Projekt verantwortlich.

Stolberg. „Einmal im Jahr wurde der Hüttenbetrieb stillgelegt“, erzählt Dr. Stefan Michaelis. Dann band sich die Belegschaft ein Stofftuch vor den Mund, nahm Hacke und Schaufel sowie Lichterketten, und zwängte sich durch die knapp mannshohen Abgaskanäle, um von den Wänden die Ablagerungen zu schlagen.

Blei, Säuren, Staub und Schlamm machten die Arbeit zur Qual in den engen Gängen, die von der Hütte über das Gelände bis zum Kamin am Rande des Steinbruches Bärenstein mäandrierend in den Fels gehauen und gemauert waren. „Lange Wege zum Schornstein bedeuteten eine große Reinigungswirkung“, erklärt der Projektmanager für Technik der Berzelius-Bleihütte Binsfeldhammer (BBH) den damaligen Stand der Technik.

Der ist längst Historie in der „modernsten und saubersten Bleihütte der Welt“, wie Geschäftsführer Dr. Urban Meurer immer wieder stolz betonen kann. Moderne Filteranlagen und neue Leitungen sorgen dafür, dass am  vorbelasteten Standort Stolberg kein Körnchen Schwermetall zusätzlich in die Luft geblasen wird. Für die neue Silberhütte wurde vor wenigen Wochen ein eigener, 99 Meter Hoher Stahlkamin errichtet. Die zuvor gereinigte Abluft der Bleihütte wird heute in zwei Stahlrohren mit 2,50 Meter Durchmesser zu dem Schornstein geführt.

Die alten, gemauerten Abgaskanäle werden längst nicht mehr benötigt. Berzelius lässt sie deshalb aus dem Boden holen und verfüllen. „Zur Risikovermeidung“, erklärt Dr. Michaelis. Die Bleihütte will vermeiden, dass Ablagerungen ausgewaschen werden und ins Grundwasser gelangen. „Mit solchen Altlasten wollen wir zukünftigen Generationen nicht mehr belasten“, betont der Hütteningenieur, der seit 15 Jahren den Standort am Binsfeldhammer auf modernen Standard trimmt.

Bereits im Frühjahr wurde ein alter Abgaskanal aus den 1880er Jahren aufwendig entfernt. Nun folgen weitere zwei gemauerte und in den harten Kalkstein getriebene Kanäle aus der Zeit um den Ersten Weltkrieg. „Genaueres ist nicht mehr festzustellen“, sagt der Prokurist, der bei seinem Projekt immer wieder vor neue Überraschungen gestellt wird.

Beispielsweise vor einen Berg Schrott, mit dem in früheren Zeiten Gänge und Löcher einfach verfüllt wurden. Unterhalb eines Regenauffangbeckens muss das Erdreich aufgraben zu können, um unter der Werksstraße an einen Kanal unter einer Betondeckel zu gelangen. Dazu ist das Becken mit einer Holz-Stahl-Konstruktion abgefangen und mit Beton für sicheren Halt gesorgt worden.

Eine andere Herausforderung an die Logistik ist die Vennbahntrasse. Auf 20 Meter ist der Gleisstrang der EVS Euregio Verkehrsschienennetz GmbH – geplant für zwei Wochen – unterbrochen, damit die unter Gleisstrecke und Werkstraße verlaufenden Gänge geöffnet werden können.

EVS-Projektleiter Winfried Pütz schaut immer wieder nach dem Rechten. Er ist dafür verantwortlich, dass nach dem 16. Dezember wieder die Güterzüge planmäßig rollen können. Bis dahin werden die Kupferbrammen für das Halbzeugwerk Schwermetall am Hauptbahnhof umgeladen und per Lkw angeliefert.

„Auch für diese Kosten stehen wir gerade“, sagt Michaelis. Rund zwei Millionen Euro investiert BBH in diese Umweltschutzmaßnahme. Die Masse davon in eine fachgerechte Entsorgung des belasteten Schutts. Den holen Mitarbeiter eines Bergbau-Spezialisten fast wie anno dazumal aus den Gängen. Der innere Ziegelbelag wird abgeschlagen und mit Mini-Baggern ans Tageslicht befördert.

Zwei Zehn-Stunden-Schichten in Schutz­anzügen absolvieren die Mitarbeiter täglich. Von 3 bis 7 Uhr in der Frühe ist Nachtruhe – auch ein Knochenjob. Ist das belastete Material herausgeholt, werden die Gänge wieder verfüllt mit einem standfesten Sand-Zement-Gemisch und Schotter. Damit darüber wieder die Gleisstrecke geschlossen werden und der Güterverkehr sicher rollen kann. „Der erste Zug ist immer der wichtigste“, sagt Pütz. Danach rollt der Verkehr wieder nach Fahrplan.

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