Stolberg - Von Bagdad nach Büsbach: Die Flucht des Sajad Alzarqway

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Von Bagdad nach Büsbach: Die Flucht des Sajad Alzarqway

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Sajad Alzarqway möchte gerne eine Ausbildung zum pharmazeutisch technischen Assistenten beginnen. Nach Sprach- und Integrationskursen macht er daher gerade ein Praktikum in einer Büsbacher Apotheke. Foto: M.-L. Otten

Stolberg. Im Juli 2015 ging für den damals 21-jährigen Iraker Sajad Alzarqway der Traum in einem friedlichen Deutschland zu leben, in Erfüllung. Welche Abenteuer zu bestehen waren, welche Reiseroute er von Bagdad nach Stolberg nahm und wie er die Zeit in dem „Gelobten Land“ verbringt, hat er Marie-Luise Otten im Interview erzählt.

Herr Alzarqway, was war der Grund für Ihre Ausreise?

Alzarqway: Nach dem Abitur habe ich ein Jahr in einem kleinen Unternehmen als kaufmännischer Gehilfe gearbeitet. Die Miliz hatte mich da schon unter Beobachtung. Eines Tages sprach mich einer von ihnen an und bot mir einen Job bei gutem Gehalt an, den ich versuchen sollte.

Was ich nicht wollte, war, auf andere Menschen in irgendeinem Krieg zu schießen, denn ich lehne jede Art von Gewalt und Bedrohung ab. Das ist gegen meine Natur. Ich will nach freiheitlichen und demokratischen Regeln leben, so wie es in Europa üblich ist. Im arabischen Raum ist man umgeben von Unterdrückung, Angst und Unsicherheit, in meiner Heimatstadt Bagdad gehen täglich Bomben hoch, sowohl von IS als auch von anderen Gruppen.

Ich habe immer zu meiner Meinung gestanden und bin dafür auch mehrfach bedroht worden. Deshalb hatte ich dann zu viel Angst, mich in der Stadt frei zu bewegen und fasste den Plan, zu fliehen.

Welche Stationen legten Sie zurück?

Alzarqway: Mit dem Flugzeug ging es zunächst von Bagdad nach Ankara. Hier blieb ich zehn Tage, bis ich ein Boot gefunden hatte, das mich und weitere 30 bis 40 Personen mit nach Griechenland nahm. Morgens um 3 Uhr starteten wir unsere Reise und nach eineinhalb Stunden erreichten wir ein wenig erleichtert griechisches Territorium. Allerdings trafen wir sofort auf die Küstenwache, die uns mit Gewehren bedrohte und befahl, zurückzukehren. Die Frauen weinten, die Kinder schrien, und wir weigerten uns.

Dann lenkten die Männer ein und zogen unser Boot Richtung Griechenland, wo uns die Polizei unsere Rucksäcke und Handys wegnahm. Mein Pass war schon vorher verloren gegangen. In Griechenland blieb ich eine Woche, dann nahm ich mir ein Taxi mit fünf Personen, um nach Mazedonien zu fahren. Von hier aus ging es zu Fuß in einer Gruppe von 15 Personen nach Serbien weiter. Wegen des großen Polizeiaufgebotes versteckten wir uns tagsüber und bewegten uns nur nachts weiter durch die Wälder nach Ungarn, wo uns die Polizei an der Grenze aufgriff und Papiere für zehn Tage gab.

Nachdem wir einen Tag auf der Straße geschlafen hatten, mieteten wir uns ein Großraum-Taxi, das uns nach Bayern brachte. Es ging gleich weiter zur zentralen Ausländerbehörde nach Dortmund. Die Polizei brachte mich dann für einen Monat in die Flüchtlingsunterkunft nach Rees am Niederrhein. Dann kam ich nach Stolberg, wo mir eine Wohnung mit vielen anderen Flüchtlingen in der Wiesenstraße zugewiesen wurde. Nun wohne ich in alleine.

Konnten Sie die Vergangenheit loslassen oder denken Sie noch oft an die Zeit zurück?

Alzarqway: Nein, so schnell geht das nicht. Ich schlafe oft schlecht, wenn ich an meine Familie denke. Mein jüngerer Bruder wird ständig von kriminellen und religiös-fanatischen Gruppen angesprochen, und manche fragen auch nach mir und drohen meinem Bruder, uns umzubringen, wenn wir uns ihnen nicht anschließen. Manchmal wache ich plötzlich auf und bin nass geschwitzt, weil ich wieder von Bomben und Toten geträumt habe.

Einmal haben die Männer vor meinen Augen einen Mann so verprügelt, dass er auf der Straße gestorben ist. Ich kann das nicht vergessen. Es verfolgt mich immer. Ich bin ein Kriegskind, ich bin mit Gewalt groß geworden. In Deutschland meinen die Leute, im Irak ist Frieden. Das Gegenteil ist der Fall. Dass Bomben explodieren und Menschen sterben gehört zum Alltag. Und besonders der IS ist überall. Sie rekrutieren so viele junge Leute, auch wenn viele von ihnen sterben, wie in Mossul. Sie sind überall und kundschaften aus, wo sie viel Schaden anrichten können.

Auch in Bagdad ist das Leben unübersichtlich und gefährlich. Es macht mich krank, wenn ich sehe, dass es Menschen schlecht geht. Ich habe oft geweint, wenn ich im irakischen Fernsehen einen Anschlag gesehen habe. Ich konnte das nicht mehr aushalten.

Mit wie viel Gepäck sind Sie in Deutschland gekommen?

Alzarqway: Nur mit den Kleidern, die ich trug.

Und wie klappt es hier mit der Verständigung?

Alzarqway: Meine Muttersprache ist Arabisch. In der Schule habe ich ein wenig Englisch gelernt. Jetzt spreche ich in Deutschland Deutsch, nachdem ich einige Kurse hinter mich gebracht habe.

Welche Kurse haben sie absolviert?

Alzarqway: Zunächst habe ich sechs Monate einen sogenannten Integrationskurs belegt, dann arbeitete ich in einer Metall- und Holzwerkstatt. An der Sprachakademie in Aachen lernte ich dann ein Jahr Deutsch und schloss diesen Kurs auf Prüfungsniveau B2 ab.

Was haben Sie sonst noch so gemacht?

Alzarqway: Nachdem ich den B 1 Abschluss in Deutsch erreicht hatte, bot mir Herr Georg Blatzheim ein Praktikum für einen Monat in seiner Hirsch-Apotheke in Büsbach an. Vorher hatte ich schon in einem Orientierungskurs 20 Tage im Rhein-Maas-Klinikum Würselen gearbeitet. Da ich aber kein Blut sehen kann, war dies nichts für mich.

Was ist mit Ihrem Abschluss, wird er in Deutschland anerkannt?

Alzarqway: Leider nein, deshalb kann ich auch in Deutschland nicht studieren. Mein Ziel ist es aber, eine Ausbildung als pharmazeutisch-technischer Assistent zu machen. Ich möchte langfristig in Deutschland leben und arbeiten.

Wie gefallen Ihnen Stolberg und Deutschland allgemein?

Alzarqway: Ich muss Land und Leute erst richtig kennenlernen dürfen, um etwas über sie sagen zu können.

Was vermissen Sie in Stolberg?

Alzarqway: Natürlich meine Familie und Freunde.

Haben Sie hier denn schon neue Freunde gefunden?

Alzarqway: Zu meinen engsten Freunden zählen jetzt ein Iraker, der in Alsdorf-Mariadorf wohnt und Busfahrer werden möchte und ein Syrer, der an der RWTH Aachen studiert. Dann habe ich ja noch meine Freunde beim Fußball und beim Tischtennis.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Alzarqway: Ich brauche die Ausbildung für den deutschen Pass und die Identifikationsnummer vom Bundeszentralamt für Steuern für meinen Arbeitgeber. Warum ich seit Monaten so lange warten muss, ist mir nicht klar.

Zum Abschluss noch eine Frage an Herrn Blatzheim. Wie beurteilen Sie als Arbeitgeber die Situation der Flüchtlinge in Stolberg?

Blatzheim: Grundsätzlich geschieht behördliche Integration zu langsam und schleppend. Das ist ein Ärgernis für alle Beteiligten. Sprachkenntnisse sind unerlässlich. Aber Menschen wirklich zu integrieren, geht nur über persönlichen Einsatz. Dazu gehören Freude am Tun, ein offenes Herz für Fremdes und Beständigkeit.

 

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