Stolberg/Wenau - Vier Räder töten Hunderte von Erdkröten

Vier Räder töten Hunderte von Erdkröten

Von: Luisa Houben
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Eine große ortstreue Erdkrötenpopulation kehrt in jedem Frühjahr zurück zum Klosterteich in Wenau, um zu laichen. Naturschützer wie Norbert Franzen (Bild) helfen ihren Schützlingen über die Straßen. Foto: L.Houben
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Kröte
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Kröten sind zurzeit in Gefahr: Beim Überqueren der Straßen kommen sie buchstäblich unter die Räder.

Stolberg/Wenau. Langsam bricht die Dämmerung über das Tal in Wenau hinein. Der Himmel färbt sich rosa, ein Pärchen Kanadagänse zieht vorüber, die Fledermäuse beginnen ihre Jagd, die Bäume spiegeln sich im Klosterteich und man hört Wasserfrösche quaken. Viel später im Jahr als üblich sind die Wetterbedingungen endlich auch ideal für die Frühjahrswanderung der Erdkröten. Doch ortseinwärts und -auswärts zerstören rasende Autos die idyllische Atmosphäre.

Auf dem Weg zum Klosterteich, ihrem Laichgewässer, kreuzen  die K49 und die L12 die Wanderwege der Amphibien. „Die Tierliebe beschränkt sich auf Hähnchen, Rind und Schwein. Die haben die Menschen zum Fressen gern, “ sagt Norbert Franzen, verärgert über die rücksichtlosen Autofahrer. Der ehrenamtliche Naturschützer und Vorstandvorsitzende des Arbeitskreises Naturschutz weiß, dass kaum jemand auch nur ein paar Tage im Frühjahr einen Umweg in Kauf nehmen würde, um die Kröten nicht zu gefährden.

„Vier Räder töten Hunderte der Tiere, “ bedauert er. So hat es sich der Verein zur Aufgabe gemacht, Jahr für Jahr 700 Meter Schutzzaun entlang der Straßen aufzustellen, um die Erhaltung der Population zu sichern.

Mit Warnweste, Taschenlampe und Eimer ausgestatte, laufen die Mitglieder nach Dienstplan bei Einbruch der Dunkelheit und nach Sonnenaufgang den Grünstreifen links und rechts der Straße entlang. Alle 20 bis 25 Meter sind Sammeleimer eingegraben, in die die Tierchen fallen und tagsüber darauf warten von den Helfern über den Asphalt getragen zu werden.

Die grünen, samtweichen Amphibien haben goldfarbene Augen und sind oft schwer zu entdecken, wenn sie regungslos im hohen Gras sitzen. Doch die Naturfreunde haben einen Blick für ihre Schützlinge. Der Eimer füllt sich rasch und „Befreiungsrufe“ der Männchen sind zu hören – fälschlicherweise haben sich zwei aneinander geklammert.

Auf dem Weg zum Klosterteich werben die Männchen um die Weibchen und lassen sich, sobald sie eines für sich gewinnen konnten, huckepack bis dort tragen. Die Konkurrenz ist groß unter den Herren, denn vier von ihnen müssen sich in diesem Biotop eine Dame teilen. Am Teich angekommen legen die Pärchen Laichschnüre ab, die das deutlich kleinere Männchen mit den Hinterbeinen an Ästen verknotet. Schon bald danach treten sie getrennt ihre Rückreisen an.

Auch bei der zweiten Straßenüberquerung können sich die Kröten auf die Unterstützung des Arbeitskreises verlassen. Kaum spüren sie wieder Laubboden unter ihren Füßen, laufen die Erdkröten weiter in den Wald hinein, um dort den Sommer zu verbringen. Die kleinen Kaulquappen gehen erst nach zweieinhalb bis drei Monaten an Land und sind nach circa drei Jahren geschlechtsreif.

Zu den natürlichen Feinden der mit Giftstoffen ausgestatteten Amphibie gehören Beutegreifer wie Vögel oder Marder. Rasenden Autofahren sind die Kröten jedoch wehrlos ausgeliefert.

Ein verrückter Winter

„Diesen Winter war alles ganz verrückt. 2013 wird kein Vergleichsjahr, “ stellt der erfahrene Naturkenner fest. Seit der Gründung des Arbeitskreises 1983 werden die Tiere gezählt, um Statistiken auch für die untere Landschaftsbehörde anzufertigen.

Zum ersten Mal konnte die Wanderung zum Laichgewässer nicht Ende Februar beginnen und auch Anfang März schneite es überraschend wieder. Nachts müssen die Temperaturen über acht Grad liegen und im besten Falle sollte es regnen, damit sich die tarnfarbenen Kröten ausbuddeln und ihre Winterquartiere im Laub verlassen. „Ideal sind die Bedingungen bei Nässe, “ weiß der Vichter: „Regenwetter ist Krötenwetter.“

Vor vielen Jahren, so erzählt der pensionierte Grundschullehrer, hat er bei strömendem Regen in einer Nacht 1000 Erdkröten über die Straße getragen. „Danach weiß man, dass man wirklich etwas bewirkt hat mit seiner Arbeit, “ erzählt er zufrieden.

Junge Unterstützung fehlt

2013 fällt auch insofern aus der Reihe, da die L12 wegen Bauarbeiten gesperrt ist. Alle Autofahrer müssen vorübergehend einen Umweg nehmen. Die direkte Wanderung der Kröten ist also zurzeit gefahrenlos.

In Stolberg betreute der Verein einen Schutzzaun von der Kaserne bis zum Forsthaus in Eschweiler. Hier aber ist die Population deutlich zurückgegangen und auch in der Steinfurt wurde die seltene Kreuzkröte, die sich durch ihr lautes Quaken auszeichnet und deren Lebensraum Sandbiotope sind, zurückgedrängt.

Auf Grund des außergewöhnlich langen Winters baut der Arbeitskreis Naturschutz die Zäune erst Ende April oder Anfang Mai ab. Viele der 50 Mitglieder sind bereits Rentner und nicht alle können die Arbeit aktiv unterstützen. „Uns fehlen die Biologiestudenten und Schüler. Früher hatten wir mehr junge Unterstützung,“ stellt Norbert Franzen mit Bedauern fest.

Besonders bei den körperlich anstrengenden Arbeiten vermisst er neues Engagement. Bei Exkursionen für Kindergruppen lassen sich die Kleinen zur Freude des Naturschützers immer wieder von den anschaulichen und interessanten Erklärungen begeistern.

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