Stolberg - „Vergessene Stimmen”: Hundert Jahre alt und immer noch aktuell

„Vergessene Stimmen”: Hundert Jahre alt und immer noch aktuell

Von: Johannes Mohren
Letzte Aktualisierung:
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Die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts im Wilhelminischen Kaiserreich, eine Gesellschaft im Umbruch: Da geht es auch bei den Akteuren auf der Bühne des Kulturzentrums so manches Mal hoch her. Aber bei der „Protestversammlung” (Ludwig Thoma) gibt es bei Gehrt Hardjen, Marita Dreckmeyer, Michael Greven und Dr. Karl Schulz (v.r.) keine ernsthaft Verletzten. Foto: J. Mohren

Stolberg. 1910, es brodelt in Europa. Der erste Weltkrieg wirft seine Schatten voraus, die Urkatastrophe Anfang des 20. Jahrhunderts steht kurz bevor. Das wilhelminische Kaiserreich strebt nach Weltgeltung, man will einen „Platz an der Sonne” in den Kolonien, Weltmacht werden, das ist der neue Traum.

Die Flottenbaupolitik ist Zeichen für die aggressiven Expansionsbestrebungen Deutschlands, auf diesem Gebiet beginnt ein Wettrüsten mit dem englischen Königreich um die Hoheit auf See.

Doch während sich die Lage außenpolitisch in dieser Zeit immer weiter zuspitzt und sich die Spannungen letztendlich im Ersten Weltkrieg entladen, ist im Deutschen Kaiserreich auch die Gesellschaft in Bewegung, Fortschritt ist das geflügelte Wort. Gerade die Schriftsteller erkennen den Geist der Zeit, einen Geist, an den die Schauspieler an diesem Abend auf der Bühne des Kulturzentrums erinnern wollen, der im Vortrag der oft vergessenen Werke der zeitgenössischen Künstler wieder zum Leben erweckt werden soll.

„Wir hatten Lust, etwas Politisches zu machen, in der heutigen Zeit, in der gerade auf diesem Gebiet so einiges im Argen liegt”, beschreibt Regisseur Dr. Karl Schulz die Motivation für die Stoffwahl. „Die Schriftsteller, die wir zu Gehör bringen, haben sich in einer Zeit der Zensur nicht gescheut, mit enormem Mut ihrem Sinn für Gerechtigkeit, für Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht Ausdruck zu verleihen”, erzählt er weiter. Rechte, für die es sich auch heute lohne einzustehen. „ Ruhe und Ordnung scheinen auch in unserer Zeit wieder erste Bürgerpflicht zu sein. Aber das kann es nicht sein”, betont der „Chef” der Theatergruppe „TheaterKristall”, der das Programm mit den anderen Akteuren in einem halben Jahr einstudiert hat.

Doch neben der Nachdenklichkeit, die die Theatergruppe auf der Bühne entfacht, ist es vor allem der große Sprachwitz und Humor, der die Besucher im Kulturzentrum beeindruckt. Jedes aufgeführte Stück, manche nur einige Sekunden, andere mehrere Minuten lang, wird beklatscht, manchmal reißt die Zuschauer das Geschehen auf der Bühne zu Zwischenrufen hin.

Ob nun das harte Leben der Arbeiter, die neue Sexualmoral von Lust und Liebe, die Dekadenz des wilhelminischen Kaiserreichs oder das Spießbürgertum karikiert und kritisiert wird, stets im Originalton der Schriftsteller, den Gästen gefällt die tiefsinnige Unterhaltung. In der Pause werden bereits erste Gedichte leise im Zuschauerraum rezitiert, viele witzige Passagen sind bereits gelernt, Karl Valentin, Erich Mühsam oder Otto Reuter werden neu entdeckt.

Für Abwechslung sorgt auch die Musik, die immer wieder den Vortrag unterstützt und auflockert. Michael Greven lässt bei seinem Heimspiel die Gitarre erklingen und bringt selbstvertonte Versionen der Stücke auf die Bühne, auch die Querflöte von Karl Schulz erklingt.

So gehen dann auch viele Besucher summend und murmelnd nach Hause. Ein bisschen Übung ist vielleicht noch nötig, bis etwa die „Unpolitische Käsrede” von Karl Valentin den Gästen so beeindruckend von den Lippen geht wie Gehrt Hardjen, aber Üben schadet nicht und lohnt sich allemal.
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