Verein „Hundehilfe Russland“: Zweite Chance für geschundene Kreaturen

Von: Ottmar Hansen
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Susanne Skottke hat ihren „Feivel“ aus Russland längst tief in ihr Herz geschlossen. Foto: O. Hansen

Stolberg. Feivel mustert Frauchens Besuch argwöhnisch. Sicherheitshalber knurrt der Mischlingsrüde den Fremden schon einmal drohend an. Was wohl heißen soll: „Komme mir bloß nicht zu nahe!“ Feivel hat allen Grund für sein misstrauisches und aggressives Verhalten. Als Welpe wurde der Schäferhundmischling in einem Karton an einer Moskauer Straße gefunden. Das rechte Vorderbein verstümmelt, das linke Vorderbein mehrfach gebrochen.

Eigentlich hatte der Hund kaum eine Überlebenschance. Der Verein „Hundehilfe Russland“ brachte das Tier nach Deutschland. Nach mehreren Operationen und zwei Stahlplatten am Knochen kann Feivel nun zumindest sein linkes Vorderbein zu seinen Hinterläufen wieder zur Fortbewegung benutzen. Bei Susanne Skottke aus Breinig hat der Hund inzwischen eine neue Heimat gefunden.

Seit Februar lebt der Hund in der Pflegestelle bei Susanne Skottke. „Als ich den Hund übernommen habe, wusste ich nicht, was mich erwartet“, so die 27-Jährige. Der Rüde habe nur geknurrt, gebellt und um sich gebissen. Kein Wunder nach seinen Erfahrungen. Die Hundehilfe Russland finanzierte nicht nur die Operationen am Vorderlauf, sondern auch das Training mit einer erfahrenen Hundetherapeutin. Inzwischen folgt Feivel seinem Frauchen aufs Wort. „Der Hund ist so dankbar“, freut sich Susanne Skottke über jeden anhänglichen Blick ihres neuen Freundes. Am liebsten würde sie Feivel nie wieder hergeben.

Schließlich hat die junge Mutter eines dreijährigen Kindes viel Zeit und Nerven in die Betreuung ihres russischen Findlingshundes gesteckt. Die Fahrten zum Tierarzt, die Trainingsstunden, die Übungen zu Hause und die vielen Spaziergänge mit einem Hund, der auf drei Beinen durch die Lande humpelt. Auto und Möbel haben auch gelitten, als der kranke Hund bei Susanne Skottke einzog. Damit Feivel nicht zu sehr alleine in der Wohnung ist, wenn sie zu ihrer Ausbildungsstelle als Bürokauffrau muss, hat Susanne Skottke noch eine Hündin aus Kroatien bei sich aufgenommen, als Spielkameradin für Feivel. Jetzt möchte die Stolbergerin den Hund natürlich auch dauerhaft behalten, nicht nur als Pflegestelle.

Feivel ist kein Einzelfall. Der Hund ist nur eines von vielen Tieren, das der Verein Hundehilfe Russland in gute Hände vermittelt. Der Verein, der zuletzt durch die Vorstellung in der bekannten TV-Sendung „Tiere suchen ein Zuhause“ bundesweit bekannt wurde, hat seinen offiziellen Sitz in Würselen-Merzbrück. Mehr als 300 Mitglieder und zahlreiche Sponsoren sorgen dafür, dass Straßenhunde und Katzen aus Russland, denen in der Heimat der Tod droht, nach Deutschland gebracht und hier an tierliebe Besitzer vermittelt werden.

Kein Tierschutzgesetz

Die Vize-Vorsitzende des Vereins, Natalia Gracheva aus Merzbrück, stammt selbst aus Russland. Die Geschäftsführerin eines Kölner Unternehmens hat den Verein seinerzeit mit einigen Freundinnen gegründet. Weil sie nicht mit ansehen konnte, wie in Russland wild lebende Hunde und Katzen jämmerlich zugrunde gehen. „Es gibt in Russland kein Tierschutzgesetz“, sagt Gracheva. Seit Jahren kämpft die 46-Jährige in Russland auf politischer Ebene dafür, dass sich das ändert. Ihr ist klar, dass es ein langer steiniger Weg sein wird, auch in Russland Tieren ein respektvolles Leben zu ermöglichen. Es müsse endlich ein Tierschutzgesetz von der Duma verabschiedet werden. Die Tiere dürften nicht der Willkür der jeweiligen Stadtverwaltung ausgesetzt sein.

Inzwischen hat der Verein in Russland drei Tierheime errichtet, in denen rund 2600 Hunde untergebracht sind. „Ich habe beruflich viel in der Ukraine zu tun. Auch dort sind heimatlose Hunde vom qualvollen Tod am Straßenrand betroffen“, weiß Natalia Gracheva.

In den Tierheimen, die der Verein in Moskau, Vyborg und St. Petersburg unterhält, sorgen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Versorgung der Tiere. Über Spenden finanziert der deutsche Verein Futter, Kastration, medizinische Versorgung sowie die allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen für die Hunde. Staatliche Hilfen gibt es in Russland für die Tierheime nicht. „Es ist nicht nur unser Anliegen, so vielen russischen Hunden wie möglich in Deutschland ein neues Zuhause zu vermitteln, sondern auch die Verbesserung des Tierschutzes in Russland zu erreichen“, unterstreicht Natalia Gracheva noch einmal das Ziel des Vereins.

Ist es dann jedoch zu einer Vermittlung des Tieres nach Deutschland gekommen, sorgt der Verein für den Transport. In einer Box im Frachtraum eines Flugzeuges treten Hund oder Katze die Reise in die Bundesrepublik an. Bei Bedarf fliegt auch eine menschliche Begleitung mit. Die Tiere sind geimpft. Allerdings oft zunächst in ihrem Verhalten schwer einzuschätzen. Zu viele Qualen haben sie in ihrer Heimat erleiden müssen. Welche Rassen kommen auf diesem Wege nach Deutschland? Gracheva: „Eigentlich alle. Vor allem aber viele Mischlinge.“

Der Verein trägt alle Kosten, die bei der „Umsiedlung“ des Tieres entstehen. Der Neuankömmling wird zunächst in einer Pflegestelle untergebracht. Hat sich jemand gemeldet, der das Tier für immer bei sich aufnehmen möchte, steht ein - dann hoffentlich letzter - Umzug an.

Wer den Hund oder die Katze aus Russland dauerhaft bei sich aufnimmt, muss dann Ausgaben für Verpflegung oder Besuche beim Arzt selbst aufbringen. Warum tut man sich das alles an? Natalia Gracheva hat die Antwort sofort parat: „Wenn ein Straßenhund nach einer gewissen Zeit Vertrauen zu dir hat, zu dir kommt und dir die Hand leckt, zufrieden und glücklich in seinem Körbchen liegt, solche Momente lassen sich kaum noch überbieten.“

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