Über 115.000 Personendaten aus der ehemaligen Gemeinde

Von: Nadine Preller
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Umgeben von tausenden Namen: Wie ein König thront René Sauer in seinem Sessel, studiert seine Sammlung von Personendaten. Und er hat noch lange nicht genug. Foto: N. Preller

Stolberg. Das Haus ist erfüllt von Geistern vergangener Zeiten. Auf der antiken Kommode ruht stolz und stark der hölzerne Elefant aus Thailand, die Wohnzimmerwände säumen filigran geschnitzte Fensterläden aus China, gleich nebenan dient eine amerikanische Tafel aus den 20er Jahren als schmucker Esstisch.

René Sauer kommt nicht umhin, in Erinnerungen zu schwelgen, wenn er den Blick durch seine Wohnung schweifen lässt. Fast 30 Jahre waren der gebürtige Stolberger und seine Frau beruflich in Übersee unterwegs: Singapur, Thailand, USA, Indonesien. Und die Andenken an ihre Reisen haben sich nicht nur in ihren Köpfen, sondern auch im beschaulichen Heim in Eschweiler eingenistet.

Aber die wahren Geister, die hausen im Keller des Paares. Es sind Hunderte und Aberhunderte von Namen und Daten einstiger Bewohner der ehemaligen Gemeinde Gressenich: Peter Theodor Elsen, geboren am 1. März 1840, Taufort Schevenhütte; Gertrude Paffen, 1860 geboren, Todesort Gressenich; Anna Catharina Hubertina Pelzer, ohne Berufsstand, genannt Catharina, und so fort. Die Namen ruhen in unzähligen Büchern, bis an die Decke gestapelt in meterhohen Regalen.

Sie teilen sich ihren Platz mit Faksimiles von Geburtsurkunden, mit Abzügen einstiger Standesregister. Sie weilen ihr Dasein neben Karteikarten, ehemaligen Mitgliedsausweisen, vergilbten Pässen und Totenscheinen. Alles fein säuberlich sortiert, nummeriert, katalogisiert.

Über 40 Quadratkilometer erstreckte sich damals die Gemeinde Gressenich vor der kommunalen Neugliederung 1972 durch das Stolberger Land. Gressenich, Mausbach, Schevenhütte, Werth und Vicht - das alles gehörte damals zusammen. Und die ehemals zweitgrößte Gemeinde in ganz Nordrhein-Westfalen bietet dem Hobby-Genealogen bis heute einen unerschöpflichen Daten-Fundus.

Bereits im vergangenen Jahr war dies René Sauer wert, das Buch „Crasciniaci” zu veröffentlichen - ein lateinisches Synonym für die ehemaligen Bewohner Gressenichs. Über 50 000 Personen sind in diesem Mammutwerk verzeichnet, mit Namen, Geburtsort, Eintritt der Wehrpflicht, Hochzeitstag, und vielem mehr. Und es werden nicht weniger. Sauer sammle schließlich auch aktuelle Daten - von Freunden und Bekannten, beispielsweise.

Mittlerweile mehr als Grund genug für den 59-Jährigen, seinen Datenwust zu digitalisieren. „Sonst verliert man irgendwann den Überblick.” Entstanden ist ein monströser Stammbaum mit zahlreichen Verästelungen und Verwandtschaftsgraden fünften oder sechsten Grades unter ehemaligen Gressenicher Bürgern.

Angefangen hat alles vor 20 Jahren mit ein paar Kritzeleien auf einem Blatt Papier. 12.000 Kilometer von der Heimat entfernt, irgendwo in Connecticut, USA. „Da stand mein Name und Geburtsort, auch der meiner Eltern und Großeltern. So fängt man halt an.” Doch schnell war Sauers Erinnerungsvermögen erschöpft. Und auch die Großeltern, falls sie noch leben, können nicht mehr alle Namen ihrer Vettern und Cousinen aufzählen.

„Dann kommt schnell der berühmt-berüchtigte Schuhkarton zum Vorschein”, grinst der Sammler. „Da finden sich uralte Bilder, Briefchen und der ein oder andere Mitgliedsausweis. Das hilft weiter.” Doch irgendwann reicht auch der Schuhkarton nicht mehr. Archive, Standesämter und Kirchen müssen herhalten.

Heute, zwei Jahrzehnte später, thront Sauer wie ein König in seinem Sessel, umgeben von seinen Untertanen, den über 115.000 Personendaten. „Je süchtiger der Patient wird, desto besser gefällts ihm,” grinst er. Oft verbringt er acht Stunden am Tag mit seinen genealogischen Daten.

Die gute Seele an seiner Seite ist Frau Agi. Sie transkribiert all die alten Urkunden, teilweise in Sütterlin, teils in Kurrent verfasst. „Ich teile die Begeisterung meines Mannes”, sagt sie und fügt lachend hinzu: „Und ich habe nicht die Probleme, die andere Frauen haben. Mein Mann drückt sich zumindest nicht vor Langeweile die Nase an der Fensterscheibe platt und wartet, dass das Wetter wechselt.”

Oft kommen Interessierte vorbei, wollen einen Blick in ihren ganz persönlichen Stammbaum werfen. Gerne hilft Sauer da weiter. „Ich habe aber gemerkt, dass die Menschen mehr bei der Sache bleiben, wenn sie was zum Schauen haben.”

Datenbank aufgestockt

Will heißen: Sauer stockt seine Datenbank auf. Mit Fotografien der archivierten Personen. Mal knipst er sie selbst aus Zeitungen ab, mal bringen ihm interessierte Nachbarn wieder einen alten Schuhkarton vorbei. Mehr als 3000 Einzelfotos aus über 17.000 Quellen hat er schon beisammen. Und es scheint nicht enden zu wollen mit seiner Sammel-Leidenschaft. Zwischen den Bücherregalen im Keller steht ein antikes Grammophon, in der anderen Ecke ein frühes Röhrenradio. Zwischen alten Nummernschildern prangt an der steinernen Wand ein Zeitungsausschnitt der Sunday Times. Das vergilbte Foto zeigt den Einmarsch der Alliierten in Aachen 1944.

Hier, im Hort der Erinnerungen, wird Geschichte wieder lebendig. Langeweile dürften die Geister vergangener Zeiten in René Sauers Keller wohl nie bekommen.

Wer kann beim Fotomaterial weiterhelfen?

René Sauer ist immer auf der Suche nach Fotomaterial einstiger Bewohner der ehemaligen Gemeinde Gressenich und freut sich über Rückmeldungen, telefonisch unter Telefon 02403/951554 oder per E-Mail an sauerRL@me.zom.

Das Gressenicher Ortsfamilienbuch „Crasciniaci” (Begleitband und DVD) von Agi und René Sauer umfasst auf mehr als 7000 Seiten personenkundliche Daten zu über 50.000 Personen vom Spätmittelalter bis zur Neuzeit.

„Crasciniaci” ist im örtlichen Buchhandel erhältlich und kann bei René Sauer per Email bestellt werden via sauerRL@me.com.

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