Todesängste: Nonne schlägt Heimkinder

Von: Nicola Gottfroh
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Für Waltraud Klein, Elisabeth
Für Waltraud Klein, Elisabeth Stehli, Ilona Schmitz und Wilhelmine Winter (möchte unerkannt bleiben) ist das Haus an der Frankentalstraße untrennbar mit Angst und Gwewalt verbunden. Foto. Gottfroh

Stolberg. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist es jetzt her, dass Wilhelmina Winter, Ilona Schmitz, Waltraud Klein und Elisabeth Stehli das Haus an der Frankentalstraße in Stolberg ihr „zuhause” nannten. Aber noch immer verbinden sie mit dem Gebäude eine Angst, Furcht und Unterdrückung, sagen sie.

Das stattliche Haus, in dem heute die Stadtbibliothek untergebracht ist, trug einst den Namen St. Vinzenz Kinderheim. Zwischen dem Beginn der 50er Jahre und deren Ende befanden die vier Frauen als Heimkinder dort in der Obhut der Kirche.

Weil bei ihnen Mutter und Vater aus unterschiedlichsten Gründen fehlten, sollten Ordensschwestern vom Armen Kinde Jesu an deren Stelle für das physische und psychische Wohl der Kinder sorgten. „Wir sollten dort beschützt werden, haben aber stattdessen unsere Kindheit verloren”, klagt Wilhelmine Winter heute an und erzählt: „Im Vinzenz-Heim war Gewalt und Unterdrückung an der Tagesordnung”.

Dass es gerade eine Ordensfrau war, eine Nonne und damit eine Frau Gottes, die ihnen das Leben einst schwer machte, das finden die vier besonders abscheulich. „Eines aber müssen wir betonen: Es waren nicht alle Nonnen schlecht”, sagt Waltraud Klein und erntet dafür zustimmendes Kopfnicken der übrigen drei Frauen.

Die vier Frauen haben in ihren Jahren im Heim alle ähnliche Erfahrungen gemacht. Und doch sind es bei jeder andere Erlebnisse, die sie geprägt haben, die sie bis heute verfolgen und die Heimzeit nicht vergessen lassen.

Dass ihre Gruppenleiterin, die Nonne Schwester F., ihnen die Süßigkeiten wegnahm, wenn sie denn mal welche bekamen, daran erinnern sich die Frauen. Und auch daran, dass sich die Erwachsene bei Tisch stets das Beste nahm - „sie pickte sich die Rosinen raus” - erinnern sich die Frauen. Waltraud Klein aber, sie kam mit sieben Jahren ins Heim, erinnert sich besonders gut an die Mahlzeiten. „Ich war keine gute Esserin und nach dem Essen war mir immer so schlecht, dass ich mich übergeben musste.” Und sie sei froh gewesen, wenn sie dafür nur zur Strafe geschlagen wurde. „Manchmal aber musste ich mein Erbrochenes dann selbst auflöffeln. Das werde ich niemals vergessen”, sagt sie. „Noch schlimmer war es aber, wenn wir danach gebadet wurden. Dann wurde ich so lange mit dem Kopf unter Wasser gedrückt, bis ich versprach, mich nie wieder zu übergeben”, erinnert sich Waltraud Klein.

Todesängste musste auch Wilhelmina Winter als Kind und Jugendliche durchzustehen. Schon als Baby wurde St. Vinzenz zu ihrem „Heim” und sollte es bis zu ihrem 14. Lebensjahr bleiben. „Wir waren billige Arbeitskräfte. Mussten Küchenarbeiten verrichten. Und jeder noch so kleine Fehler wurde mit Schlägen bestraft. Wenn wir Kartoffeln schälten - es waren übrigens Berge von Kartoffeln - und die Schalen zu dick abgeschnitten waren, dann bekamen wir zur Strafe nichts anderes als die Kartoffelschalen zu essen”, sagt sie und fügt hinzu: „Was diese Nonne mit uns gemacht hat, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.”

Die Kinder im Heim habe die Nonne so sehr unterdrückt, dass sie sie sogar für normale menschliche Bedürfnisse bestrafte. „Nach dem Abendgebet um sieben Uhr war der Gang zur Toilette verboten. Wer es nicht bis zum nächsten Morgen aushielt, musste ins Bett machen und wurde dann mit den eingenässten Laken verprügelt”, erzählt sie eine andere Begebenheit aus ihrer Kindheit.

„Schwester F. war ohnehin sehr kreativ was die Wahl der Schlagwerkzeuge betraf”, ergreift nun auch Ilona Schmitz (67) das Wort. „Sie hat alles zum Schlagen benutzt: nasse Laken, aber auch Kleiderbügel und Drahtbürsten. Oft wurden wir so verdroschen, dass wir tagelang nicht sitzen konnten.” Bei diesen Worten bricht die unterdrückte Trauer aus ihr heraus, Tränen kullern ihre Wange hinunter. Die anderen Frauen ergreifen ihre Hand, streicheln ihr über den Rücken und spenden Trost oder weinen mit der Freundin - wie sie es auch schon vor mehr als 50 Jahren gemacht haben.

Über die Vergangenheit zu sprechen ist schmerzhaft und schwer. Doch das Austauschen miteinander, so wissen die Frauen selbst, ist gut und wichtig. Viele Jahre lang waren sie alle der Meinung, sie hätten die Vergangenheit hinter sich gelassen - ein Irrglaube. „Viel zu lange hatten wir die Vergangenheit einfach nur verdrängt”, sagt Elisabeth Stehli. Erst viele Jahre nachdem sie das Heim verlassen und selbst Familien gegründet hatten, begaben sie sich in Therapie. Bei Wilhelmina Winter machte die kranke Seele sogar den Körper krank. Eines Tages, die Jahre im Heim lagen schon mehr als zwei Jahrzehnte zurück - konnte ich nicht mehr richtig laufen.

Viele Untersuchungen später stellte sich heraus, dass das psychosomatische Ursachen hatte. Und auch die anderen Frauen hatten ihr Päckchen zu tragen, das Bis auf Waltraud Klein: „Ich hatte im Heim jahrelang Angst vor allem. Ich konnte erst anfangen zu leben, als ich mir sagte, dass ich bereit bis zu sterben. Damals war ich neun Jahre alt.” Sie glaubt, mit dieser Einstellung die Zeit im Heim doch für sich verarbeitet zu haben. „Wir haben es doch noch geschafft, wir haben das Heim überlebt.

Andere sind zerbrochen und haben sich später das Leben genommen...”, weiß Waltraud Klein. Aus der Kirche ausgetreten ist übrigens keine der vier Frauen. „Was hätte uns das gebracht. Nicht alle in der Kirche sind schlecht. Und wir schätzen die soziale Arbeit, die die Kirche leistet, sehr”, sagt Wilhelmina Winter versöhnlich.
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